Echte Programmierer erstellen schnell funktionsfähigen Code, verwenden knappe Bezeichnungen, verschwenden keine Zeit auf Aussehen und unnötig lange Kommentare. Häufig entsteht durch viele Änderungen und Erweiterungen dann so genannter "Spaghetti-Code", der für nicht Eingeweihte nur mühsam und mit viel Aufwand zu verstehen ist. Dies gilt bei vielen Programmierern als besonders männlich. Echte Männer haben es halt nicht nötig, auf die Ästhetik ihres Outputs zu achten. Sie sind effizient und pragmatisch und lassen Ecken und Kanten stehen.

"Girl Code" dagegen lautet das gängige Synonym für "schön" geschriebene Software, bei der stark auf Struktur, Systematik und Aussehen geachtet wird. Einrückungen sind stets akkurat gesetzt, jedes Statement steht sauber in einer Zeile und das Programm wird sorgfältig in überschaubare Teile zerlegt. So kann man durch einfaches Lesen sehr schnell den Sinn des Codes begreifen. Der gehässige Unterton in der Bezeichnung "Girl Code" drückt Verachtung aus: Wer Code schreibt wie ein Mädchen, konzentriert sich eben nicht auf das Wesentliche, sondern glättet hier und striegelt da, bis auch das letzte Pünktchen sitzt.

Nüchtern betrachtet steht „Girl Code“ für die Grundsatzfrage, ob in der Software-Entwicklung nur das Ergebnis zählt (das System funktioniert) oder auch die Art und Weise, wie es erzielt wird. Ins Rollen kam die Debatte über die "Kunst des Programmierens" im März 2006. Auslöser war kein prominenter Vordenker, sondern ein Mann der Basis. Der Entwickler, der sich Morten nannte, klagte im Blog „ 37signals.com “, er sei des Schreibens von „Girl Code“ bezichtigt worden, weil er zu viel Zeit darauf verwende, dass sein Code gut aussehe.

Tage später bemächtigte sich die prominente Bestseller-Autorin Kathy Sierra ( Head First , O’Reilly Books) des Themas in ihrem bei amerikanischen IT-Leuten populären Blog „ creating passionate users “. Es sind also nicht nur weltfremde Theoretiker und Nerds, die über die Bedeutung der Schönheit als Qualitätsmerkmal – kurz über die Poesie von Software-Programmen – philosophieren.

Hinter dem Gedankenkonstrukt der „Poetry of Programming“ steht unter anderem der promovierte Informatiker, Veteran der Programmiersprache Lisp und Open-Source-Pionier Richard P. Gabriel. Der Kalifornier gilt als Vordenker einer effizienteren Software-Entwicklung. Dass ausgerechnet ein Rationalist wie er Parallelen zwischen dem Schreiben von Gedichten und dem von Software-Code entdeckte, ist kein Widerspruch.

Ähnlich wie in der Poesie strebt Gabriel auch in der Software-Programmierung nach größtmöglicher Einfachheit, Ästhetik und Klarheit. Ein Gedicht, sagt er, lebe von einem harmonischen Aufbau und einem logischen Kontext. Die gleiche Harmonie postuliert Gabriel für Codezeilen, die sich einer übergeordneten Softwarearchitektur unterordnen. „Wenn Sie sich Quellcode von extrem begabten Programmierern ansehen, so steckt Schönheit darin“, findet Gabriel.

Selbst für Pragmatiker wird der Sinn und Zweck eines ästhetischen Programm-Codes plausibel: Ob bei Open-Souce-Programmen oder individualisierten Software-Lösungen – ein klar strukturierter Code ist unerlässlich für effizientes Arbeiten. Open-Source-Software lebt von der Weiterentwicklung vieler Beteiligter, um deren Aufmerksamkeit sie zunächst kämpfen muss. Ist das Design des Codes eine Katastrophe, schafft das auch eine tolle Idee nicht. Erfahrene Software-Architekten haben immer einen Sinn für Schönheit im Software-Code. Sie erkennen dessen Qualität bereits an seinem Äußeren und wissen: Eine unschöne Lösung kann nicht die beste sein.

Auch bei Software-Lösungen für Unternehmen gilt: Der Code muss logisch und schnell verständlich sein. Eine Software, deren Code unsystematisch und wenig dokumentiert ist, funktioniert zwar zunächst genauso gut. Geht es jedoch an die Weiterentwicklung oder Fehlerbehebung, kann auch ein geübter Programmierer Probleme haben, Zweck und Funktionsweise dieses Codes zu verstehen. Ästhetik ist dann nicht mehr eine Frage des guten Tons oder gar die Abkehr vom schnellen Arbeiten, sondern Voraussetzung für ein optimales Ergebnis. Dabei ergeht es dem Programmierer wie einem Schachspieler, der eine unbekannte Stellung verstehen möchte: Sehr gute Schachspieler sind in der Lage, eine x-beliebige Stellung in Sekunden zu erfassen und dann blind wieder aufzubauen. Verteilt man jedoch die Figuren willkürlich auf dem Brett, scheitern sogar Großmeister an dieser Aufgabe, weil die inhärente Logik der Stellung der Figuren auf dem Brett verloren geht.

Ein ästhetischer Code ist demnach mehr als nur funktional. Er besticht durch inhärente Klarheit im Design und ist leicht zu verstehen und zu ändern. Das permanente Streben nach dem Schönen in der Software ist eben nicht das Vorrecht weiblicher Programmierer. Angesichts der vornehmlich männlichen Code-Ästheten ist die Bezeichnung „Girl Code“ eher eine unkorrekte Vereinfachung, die sich zu einem Kompliment entwickelt hat. Für den Programmierer und Essayisten Paul Graham ist er gar die Triebfeder des Fortschritts: Denn „gäbe es keine Schönheit, könnte niemand in seinem Job besser werden“.

Rüdiger Azone ist Vorstand der sd&m AG .