Dabei sieht es 1977 nach den Selbstmorden von Stammheim zunächst so aus, als sei die RAF zerschlagen worden. Die Gruppe ist militärisch gescheitert und durch Verhaftungen dezimiert. Zudem haben sich insgesamt zehn RAF-Mitglieder vom Terror abgewandt und sind mit Unterstützung der Stasi in der DDR abgetaucht. Im Oktober 1982 schließlich entdecken Pilzsucher in einem Wald südlich von Frankfurt das zentrale Erddepot der RAF. Die Polizei muss nur noch darauf warten, dass ihnen mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar die strategischen Köpfe der zweiten RAF-Generation in die Arme laufen.

Doch bevor Mohnhaupt und Klar verhaftet werden, haben sie bereits die Saat für die nächste Generation gelegt. In ihrem sogenannten Mai-Papier plädieren sie Anfang 1982 für einen Strategiewechsel: weg von der Fixierung auf die Gefangenenbefreiung, hin zu politischen Massenbewegungen. Und sie finden unter ihren Sympathisanten solche, die bereit sind, dafür in den Untergrund zu gehen, unter ihnen Wolfgang Grams und seine Freundin Birgit Hogefeld.

Beide gehören auch biografisch einer anderen Generation an. Die Mitglieder der neuen RAF stammen nicht mehr aus der Studentenbewegung. Sie wurden nicht mehr in der Auseinandersetzung mit dem verdrängten Nationalsozialismus sozialisiert, sondern durch Proteste gegen Atomkraftwerke, die Startbahn West in Frankfurt oder die Nato. Ein Jahrzehnt lang hat Wolfgang Grams die Haftbedingungen der RAF-Mitglieder angeprangert, er hat einige von ihnen im Knast besucht und für die Illegalen gelegentliche Kurierdienste erledigt. 1984 will er selbst "in den Krieg ziehen".

Dabei passt Grams gar nicht ins gängige Klischee eines kaltblütigen Terroristen. Ehemalige Freunde beschreiben ihn als nachdenklich und sensibel. Trotzdem wird er zur treibenden Kraft des Neuaufbaus. Die RAF rekrutiert neue Kämpfer, und sie tötet wieder.

Die Offensive startet mit einem Hungerstreik der Häftlinge. Das Signal zum Losschlagen gibt Brigitte Mohnhaupt am 4. Dezember 1984 im Gerichtssaal des Stuttgarter Oberlandesgerichts. Doch anders als in den Siebzigern existiert kein breites sympathisierendes Umfeld mehr, das, wie 1977 der anonyme Autor Mescalero, eine "klammheimliche Freude" über die RAF-Morde empfindet. Im Gegenteil stoßen die brutalen Hinrichtungen auch in der radikalen Linken auf Ablehnung. Die RAF hat sich isoliert.

Das Jahr 1989 stellt für die RAF eine weitere Zäsur dar. Die Mauer fällt, die DDR-Aussteiger fliegen auf, die Kronzeugenregelung ermöglicht ihnen milde Urteile. So mancher RAF-Mythos verblasst: die Mär vom selbstlosen und solidarischen Kampf, die These vom staatlichen Mord in Stammheim.