Kaum ist die Jagd eröffnet, stehen sie schon Schlange. Zum Auftakt der Saison drängeln sich die Wanderer um einen tannengrün lackierten Kasten und zücken kleine Heftchen, um glücklich lächelnd den Stempel hineinzudrücken: Mit dem Siegelabdruck der Waldgaststätte Rinderstall in ihrem Wanderpass halten sie den ersten sichtbaren Nachweis auf dem weiten Weg zum Harzer Wanderkaiser 2008 in den Händen.

Rund 500 Menschen mit Rucksack und in Wanderstiefeln sind von Braunlage, Altenau und St. Andreasberg zu einem Sternmarsch aufgebrochen, der sie mitten im Wald zur Auftaktveranstaltung der "Harzer Wandernadel" zusammenführt. Es gibt Bratwurst und Bier, und der St. Andreasberger Heimatchor sorgt jodelnd und Peitsche knallend für musikalische Unterhaltung. Was die im Wald versammelten mehrheitlich älteren Semester verbindet, ist neben Spaß an der Bewegung und der Liebe zum nördlichsten deutschen Mittelgebirge vor allem eines: der Ehrgeiz, den begehrten Kaisertitel zu erwerben. Für die höchste Auszeichnung, die ein Wanderer im Harz erlangen kann, müssen sie in ihren Heftchen allerdings noch viele, viele Stempel mit der besenreitenden Hexe sammeln – 222 insgesamt, was bedeutet, dass sie eine wochenlange Odyssee kreuz und quer durch den Harz vor sich haben, von Seesen bis Sangerhausen, von Herzberg bis Blankenburg, über den Brocken und durchs Selketal, durch Wald und Wiese. Von Stempelstelle zu Stempelstelle.

Winfried Rasp war der Ehrgeizigste von allen. Im letzten Jahr, als die Auszeichnung zum ersten Mal vergeben wurde, ist er zusammen mit seiner Frau nicht nur um den Kaisertitel gelaufen, sondern obendrein noch darum, ihn als Erster zu erwerben. Dafür hat er sich in Harzgerode extra eine Ferienwohnung gemietet, systematisch einen Wegeplan entworfen, "und dann sind wir Tag für Tag von morgens bis abends eine Woche lang unterwegs gewesen", erzählt er. "Bis zu zehn, zwölf Stempel haben wir pro Tag gesammelt, und als wir alle beisammen hatten, sind wir gleich nach Wernigerode zur Touristeninfo." Der Wettlauf um den Titel war entbrannt. Denn nur exakt 222 der Auszeichnungen werden in jedem Jahr verliehen, wer zu spät kommt, muss ohne den begehrten Stein auskommen.

Als Winfried I. hat der 64-Jährige das Abzeichen dann in den folgenden Wochen gleich noch einmal erwandert, genau wie Kollege Brocken-Benno. Bloß dass der Rekordgänger des höchsten Harzbergs nicht ganz so zielstrebig unterwegs war: "Der Brocken geht vor. Da musste ich Prioritäten setzen", sagt er 75-Jährige, der gerade seinen 5330. Aufstieg absolviert hat. Selbstverständlich ist Benno als Sonderbotschafter in diesem Jahr wieder mit von der Partie. Und auch Rasp will weiter wandern, wenn auch nicht mehr ganz so eifrig. "Meine Frau möchte leider nicht mehr mitmachen." Die grünen Stempelkästen, die über den gesamten Harz verteilt stehen, sind teilweise regelrecht versteckt. Bert Zywietz, Kaiser Nr. 73, weiß davon ein Lied zu singen: "Ich hatte zwar ein Navigationsgerät, aber manche Kästen waren auf der Karte falsch eingezeichnet. Wenn man 80 Kilometer weit weg ist von zu Hause, will man natürlich nicht ohne den Stempel zurückkommen, für den man extra losgefahren ist. Diverse Male sind wir deshalb noch im Dunkeln im Wald umhergerannt, manchmal sogar bei strömendem Regen." Seine Frau nickt. "Aber man lernt immer wieder etwas Neues kennen und entdeckt wunderschöne Stellen, die man ohne diesen Wettbewerb nie besucht hätte", sagt sie.

Die schönsten Aussichtspunkte und ältesten Talsperren, Schlösser, Höhlen, Bergwerke und Burgruinen liegen auf der Strecke zwischen Stempelstelle Nr. 1 am Eckerstausee und Nr. 222 beim Bergwerk Röhrigschacht. Da kommen am Ende gut 600 Wanderkilometer zusammen.

Dass die Suche schnell zur Sucht wird, bestätigen alle hier. 4000 Kilometer hat Günter Brüne aus Wolfenbüttel für sein Abzeichen mit dem Auto verfahren, wie viele Kilometer er außerdem gelaufen ist, weiß er nicht zu sagen. An mindestens 40 Wochenenden waren die Meissners aus Braunschweig im vergangenen Jahr im Harz unterwegs. Familie Töhne aus Peine war auf der Stempeljagd mit ihrem 13-jährigen Sohn sogar einmal gezwungen, wegen eines Unwetters mitten im Wald in einer Schutzhütte zu übernachten. Als Entschädigung stand Filius Matthias dann drei Wochen lang als jüngster Kaiser auf der Liste. Bis ihm ein siebenjähriger Steppke den Rang abgelaufen hat.