Geffen: Nein, denn die Religion ist mittlerweile Teil der Politik. Es gibt ja auch noch die Orthodoxen. Sie dürfen den ganzen Tag beten, müssen nicht arbeiten, weil die Regierung sie sponsert. Sie bekommen Geld für jedes Kind, das sie in die Welt setzen. Sie bezahlen keine Miete, keine Steuern. Alles, was sie tun müssen, ist zu Gott zu beten.

ZEIT online: Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus?

Geffen: Zunächst einmal denke ich, kann man mit Geld viel lösen. Wir müssen viel Geld in die richtigen Hände im Gazatsreifen investieren. Wir sollten den Palästinensern helfen, einen eigenen Staat zu errichten, Schulen und Bildung fördern. Denn, wie ich schon sagte, die Menschen haben derzeit nichts zu verlieren. Und das ist äußerst gefährlich. Wissen Sie, mein Onkel ( Mosche Dayan, Anm. der Redaktion ) hat Jerusalem besetzt und ich fühle mich, als wäre ich das fehlende Stück in einer Kette. Wir brauchen Ostjerusalem nicht. Keiner meiner Freunde fährt dorthin, um Zeit zu verbringen. Daher bin ich für die Teilung, Westjerusalem für die Juden, Ostjerusalem für die Palästinenser. Es gibt schließlich Orte wie Haifa oder Jaffa, wo das Zusammenleben mit den Palästinensern funktioniert. Warum also nicht in Jerusalem? Es geht!

ZEIT online: Sie fühlen sich als Sprecher für die junge Generation in Israel, als „neuer“ Israeli. Warum?

Geffen: Wir sind traditionell eine Macho-Gesellschaft. Ich erlaube meinem Publikum zu weinen, Gefühle zu zeigen, Fragen zu stellen. Das ist meiner Meinung nach ein „neuer“ Israeli. Ich gebe zu, manchmal schwach zu sein.

ZEIT online: Wie würden Sie Ihre Musik als Teil Ihrer politischen Botschaft in diesem Zusammenhang beschreiben?

Geffen: Ich denke, das Gefühl, das alle Menschen teilen, ist die Traurigkeit. Jeder weiß, was es heißt, traurig zu sein. Wenn Paare sich trennen, sich scheiden lassen. Wenn die Kindheit verloren geht. All das lässt sich unter dem Schirm der Traurigkeit zusammenfassen und ich beschäftige mich mit diesen Dingen. Ich rede über Gott, obwohl ich nicht sicher bin, dass es ihn gibt. Wenn es ihn gibt, dann vertraue ich ihm, bin aber nicht sicher, ob er auch an mich glaubt. All diese Dinge versteht man überall auf der Welt.

Das Interview führte Wiebke Eden-Fleig .

Lesen Sie am Freitag die vierte Folge unserer Serie "60 Jahre Israel": Ein Interview mit dem israelischen Historiker und Soziologen Mosche Zuckermann