Eine der zentralen Aussagen der viel diskutierten Grundschulstudie "Element" ist, dass die durchschnittlichen Lernzuwächse im Leseverständnis von Grundschülern in den Klassen 5 und 6 größer sind als die der Kinder in den grundständigen Gymnasien. Dies ist zunächst eine positive Aussage über die Grundschule und deren Förderfähigkeit. Zugleich weist die Studie aber auch auf ein Problem hin: Wenn man die vergleichsweise kleine Gruppe der leistungsstarken Schüler nach ihren Lernzuwächsen in den Klassen 5/6 vergleicht, schneiden diese an den grundständigen Gymnasien besser ab.

Warum gibt es um diese Aussage eine solche Aufregung? Die Erkenntnis sollte niemanden verblüffen. Schließlich war es doch die Aussage eines Teils der Eltern und der Kinder, dass sich die Schüler bereits in der vierten Klasse gelangweilt haben und nicht genügend gefördert wurden. Nicht zuletzt dem langjährigen Kampf dieser Eltern um die knappe Anzahl von gymnasialen Plätzen in den Klasse 5 und 6 ist der Auftrag für diese Studie zu verdanken.

Die Element-Studie zeigt eine Realität in Berliner Schulen auf, die Anlass für eine produktive Debatte um die Weiterentwicklung der Schule sein sollte, statt sie mit den gängigen Abwehrreflexen abzutun. Sie ist unter anderem Ergebnis einer jahrzehntelangen, polarisierenden Diskussion um Pädagogik und Bildungspolitik (die Verfasserin bezieht sich dabei durchaus mit ein). Nahezu 30 Jahre lang wurde die Forderung nach mehr Leistung den Konservativen überlassen, die diese Kategorie meist in einen negativen Kontext von Druck und Auslese stellten, das Gegenteil von Kuschelpädagogik war das Ziel. Auf der anderen Seite wurde geradezu reflexhaft mit der Betonung "... aber das Soziale" reagiert.

Der Stellungskrieg, die Betonierung der Pole war wichtiger als die konstruktive Synthese und der pragmatische Schritt nach vorn. Die Debatte um Chancengleichheit, seit den siebziger Jahren unumstrittenes Paradigma der offiziellen Schulpolitik, hat vor allem den Blick auf die Leistungsschwächeren und deren Förderung gelenkt, offensichtlich auch mit positivem Effekt. Das ist anzuerkennen. Allerdings war der Preis hierfür die vergleichsweise Nichtbeachtung der leistungsstärkeren Schüler. Die Annahme, dass diese die Aufmerksamkeit der Pädagogen weniger bräuchten als die Lernschwächeren hat hier zu einem Defizit geführt, dass die beteiligten Eltern und Kinder verständlicherweise nicht zu akzeptieren bereit waren und sind.

Die Lösung des Problems sollte nicht in einer vordergründigen Strukturveränderung der Schule gesucht werden. Eine positive Akzeptanz von Leistung und Leistungsstandards als relevanter Kategorie in der pädagogischen Wirklichkeit ist nötig. Schon Helmut Fend hat in den achtziger Jahren auf die negative Besetzung des Leistungsbegriffs in deutschen Schulen – sowohl durch Lehrkräfte als auch durch Schüler – hingewiesen, dass die Bereitschaft zu Leistung eher mit Strebertum verbunden wird, als dass sie zu Anerkennung führt. Ebenso sollten Eltern, die eine größere Herausforderung für ihre Kinder suchen, nicht als vermeintliche Privilegienjäger bewertet, sondern in ihrem Bemühen ernst genommen werden.