Es ist ja nicht nur das Buch vergessen. Sein Autor doch auch. Und der Krieg - welcher gleich von den vielen? Der Landmasse, auf der er tobte, hat der Westen ein Etikett angehängt: vergessener Kontinent.

Überall könnte Ken Saro-Wiwas Held Mene deshalb herumstolpern - dort, wo das gerade in scharfkantige Splitter zerspringt, was sich Westeuropäer unter Gesellschaftsordnung und Rechtsstaat vorstellen. Die Splitter fliegen umher und reißen Tausende in den Tod. Irak, Afghanistan, Darfur, Sudan, weitere Ideen willkommen.

Aber so anonym ist das ja gar nicht, was Ken Saro-Wiwa aufschrieb: der Bürgerkrieg um Biafra, der südöstliche Teil Nigerias, der erste schwere militärische Konflikt im nachkolonialen Afrika. Eine Million tote Zivilisten. Militärdiktatur, Unterdrückung, bis heute kein wirklich gut funktionierendes Staatswesen, trotz riesiger Ölvorkommen. Und ein Schriftsteller, den seine Worte an den Galgen brachten.

Saro-Wiwa war eigentlich ein Verwaltungsmann. Einer, der während des Kriegs einen eroberten Ölhafen für die Regierung verwalten sollte, der sich dann aber umsah und aufschrieb, was ihm begegnete. Die Lebensgrundlagen seines Volks, der Ogoni, sah er bedroht von der Regierung und Ölkonzernen. Er trat ein für eine gerechtere Verteilung der Öleinnahmen, wurde ausgezeichnet mit dem alternativen Nobelpreis. Trotzdem konnte die Welt ihn nicht schützen, als er im November 1995 nach einem Scheinprozess gehenkt wurde.

So ist Afrika, denken wir. Löwen, Buschkrieg, Willkür und zerlumpte Hungergestalten. Serengeti und Ruanda. Das ist vielleicht der wahre Grund, weshalb der afrikanische Kontinent uns vergessen erscheint: Weil die Klischees über alles, was südlich des Mittelmeers liegt, hierzulande schon seit Generationen die Wirklichkeit überlagern.

Die sind nicht nur plump, Tarzan und Safari, bewahre. Hübsch ist auch, was uns die Literaturwissenschaft vorlegt: Saro-Wiwa habe den modernen Simplizissimus geschrieben. Wer das war? Auch so ein Junge in einem längst vergessenen Krieg auf einem anderen Stern.

Was Sozaboy uns erzählt, ist aber die grausame Wahrheit von eben gerade. Wer Menes Weg folgt, aus seinem Dorf, zu den Soldaten, in den Krieg, vor das Exekutionskommando, fliehend in den Busch, zurück in die zerstörte Heimat, der spürt, was all die abstrakten Worte von schlechter Regierungsführung, Eliten-Machtkampf, Autokratie, Despotie, Diktatur, Korruption, Ausbeutung mit einem Menschen tatsächlich anstellen. Glück gehabt, dass es nicht mein Land ist.

Aber so tief muss man sich gar nicht einlassen. Man kann sich genauso berauschen an dieser verrückten Sprache, die das Hochenglisch lakonisch zerlegt in ein irres Pidgin, die Wortmuster und Bilder afrikanischer Sprachen in englischen Vokabeln kleidet. Eine Sprache, die noch gar keine richtige ist, sondern eben erst wächst und mit pubertierender Lust Althergebrachtes durcheinanderwirbelt. Das ist, dank des Übersetzers Gerhard Grotjahn-Pape, sogar noch in der deutschen Übersetzung spürbar.

Warum also Sozaboy wieder lesen? Weil da einer mit uns redet, der uns vom Alltag erzählt. Ganz normal eben.