"Es gibt immer eine Chance"

Er ist einer der bekanntesten Kinderschützer Österreichs und hat zahlreichen Kindern und Jugendlichen nach traumatischen Erlebnissen geholfen: Ernst Berger , Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Wien. Berger hat Maria K. therapiert, eine 23-jährige Frau, die von ihren Adoptiveltern über Jahre hinweg gequält, misshandelt und in eine von außen verriegelte kleine Holzkiste gesperrt worden war. Er gehörte auch zu den Betreuern Natascha Kampuschs. Im Gespräch mit ZEIT online erklärt Berger, weshalb die Opfer des Dramas in Amstetten die Chance auf ein normales Leben haben und wieso Kinder in Österreich immer noch zu wenige Rechte besitzen.

ZEIT online: Im Inzest-Fall von Amstetten sind Psychiater und Therapeuten mit Menschen konfrontiert, die jahre- und jahrzehntelang isoliert waren, Schlimmes erlebten und zum Teil jetzt zum ersten Mal mit fremden Personen Kontakt haben. Wie kann man diesen Menschen helfen? Wie baut man Vertrauen zu jemandem auf, der Zeit seines Lebens isoliert war?

Ernst Berger: Es ist natürlich möglich, Vertrauen zu Menschen zu gewinnen, die prinzipiell kein Vertrauen haben. Das ist eine Frage psychotherapeutischer Technik. Nun geht es eben um das therapeutische Aufarbeiten des Erlebten unter professioneller Begleitung. Bei so einer Therapie kann man im gesamten Repertoire der Kinder- und Jugendpsychotherapie suchen, welcher Zugang am besten geeignet ist. Das reicht vom kindlichen Spiel über Märchenthemen oder Zeichnen bis hin zum gemeinsamem Fantasieren, all das wären mögliche Zugänge.

ZEIT online: Der Fall Amstetten ist bislang einzigartig. Gibt es für die Wissenschaft irgendeine Erfahrung, die zeigt, wie man in einer solchen Situation vorgeht?

Berger: Es gibt Anhaltspunkte. Bei der Therapie von Psychotraumata ist in den vergangenen Jahren sowohl praktisch als auch wissenschaftlich sehr viel Erfahrung gesammelt worden. Zu Beginn steht die Traumatherapie, das psychische und emotionale Stabilisieren der Opfer. In einer zweiten Phase geht es darum, langfristig psychotherapeutische Unterstützung zu bieten, das Erlebte aufzuarbeiten. Daneben müssen diese Menschen, die so lange Zeit isoliert waren, darin unterstützt werden, den Weg in ein normales Leben wieder zu finden. Man muss ihnen helfen, Alltagskompetenzen zu erwerben und zu lernen, wie man mit der Welt da draußen umgeht.

ZEIT online: In der menschlichen Entwicklung gibt es gewisse Phasen, in denen man bestimmte Dinge lernt, etwa soziale Kompetenz. Kann man so etwas auch später nachholen oder ist ab einem gewissen Alter der Zug abgefahren?

"Es gibt immer eine Chance"

Berger: Der Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist falsch. Man kann alles auch zu einem späteren Zeitpunkt lernen, man lernt es dann auf anderen Wegen und das eine oder andere vielleicht auch schwerer. Aber es gibt immer eine zweite Chance.

ZEIT online: Werden sich die Kinder leichter tun als die Erwachsenen?

Berger: Kinder verarbeiten schlimme Erfahrungen anders, aber nicht besser oder schlechter. Ein Erwachsener hat bereits ein gewisses Repertoire an Erfahrungen, auf die er bei der Bewältigung zurückgreifen kann. Kinder können das nicht. Das ist aber nicht zwingend ein Nachteil. Der Weg, den man gehen muss, ist einfach ein anderer.

ZEIT online: Die zum Teil auch medial verbreiteten Negativszenarien, denen zufolge es den Mitgliedern dieser Familie nie möglich sein wird, ein normales Leben zu führen, stimmen also nicht?

Berger: Nein, sicher nicht. Das hat auch unsere Erfahrung gezeigt, sowohl mit Maria K., der jungen Frau, die von den Medien "Das Mädchen aus der Kiste" genannt wurde, als auch mit Natascha Kampusch: Mit professioneller Begleitung und Unterstützung ist möglich, ins eigenständige Leben zurück zu finden. Natürlich verursacht es ein enormes Trauma, wenn Kinder die ersten fünf oder zehn Jahre ihres Lebens in Isolation verbringen. So etwas heilt nicht folgenlos aus. Aber ebenso wie jemand ein befriedigendes Leben führen kann, der ohne Beine zur Welt kommt, kann es auch in diesem Fall mit entsprechender Unterstützung gelingen.

ZEIT online: Nun ist diesen Menschen nicht nur ein schlimmes Erlebnis widerfahren, sondern eine ganze Palette an Verbrechen: Freiheitsentzug, sexueller Missbrauch, Inzest, Gewalt, Täuschung. Wie geht man als Fachmann mit so vielen verschiedenen psychischen Wunden auf einmal um?

"Es gibt immer eine Chance"

Berger: Die Therapie von Menschen mit einer so hohen Intensität verschiedener traumatisierender Faktoren kennt noch niemand. Es gibt viele Menschen, die ganz schwere Einzeltraumata erleiden, aber die Kombination der langen Dauer, des Traumas des sexuellen Missbrauchs bei der Frau und zusätzlich der Faktor der Isolation ist natürlich ein schweres Bündel, das in der Psychotherapie aufgearbeitet werden muss. Das ist ein langwieriger, langfristiger und intensiver Prozess, bei dem ganz sorgsam Schicht für Schicht offen gelegt und verarbeitet werden muss. Das geht nicht in ein paar Wochen, sondern dauert Jahre.

ZEIT online: Ausländische Medien stellen nun häufig die Frage, was denn in Österreich los sei: Erst vor zwei Jahren konnte sich Natascha Kampusch nach acht Jahren in Gefangenschaft selbst befreien und nun dieser schreckliche Fall in Amstetten. Ist das etwas typisch Österreichisches?

Berger: Ich bin zurückhaltend, aus diesen Fällen einen österreichischen Volkscharakter abzulesen. Was aber stimmt, ist die Tatsache, dass die Position von Kindern in diesem Land nach wie vor keine sehr starke ist. Kinder werden in Österreich tendenziell als Objekte und nicht als Rechtssubjekte betrachtet. Das ist zwar nicht die Ursache für solche Verbrechen, aber in so einer Gesellschaft ist es eben leichter, Kindern sämtliche Rechte abzusprechen und sie zum eigenen Besitz zu degradieren.

Deshalb sollten Kinderrechte endlich ihren Platz in der österreichischen Verfassung bekommen – übrigens etwas, das die UNO schon seit mehr als zehn Jahren fordert. Natürlich hat sich im Bereich Kinderschutz in den vergangenen zwei Jahrzehnten einiges getan, aber Österreich ist kein Land, in dem Kinder einen guten Status haben. Davon sind wir noch ein ordentliches Stück entfernt.

Das Gespräch führte Nina Horaczek.