Berger: Die Therapie von Menschen mit einer so hohen Intensität verschiedener traumatisierender Faktoren kennt noch niemand. Es gibt viele Menschen, die ganz schwere Einzeltraumata erleiden, aber die Kombination der langen Dauer, des Traumas des sexuellen Missbrauchs bei der Frau und zusätzlich der Faktor der Isolation ist natürlich ein schweres Bündel, das in der Psychotherapie aufgearbeitet werden muss. Das ist ein langwieriger, langfristiger und intensiver Prozess, bei dem ganz sorgsam Schicht für Schicht offen gelegt und verarbeitet werden muss. Das geht nicht in ein paar Wochen, sondern dauert Jahre.

ZEIT online: Ausländische Medien stellen nun häufig die Frage, was denn in Österreich los sei: Erst vor zwei Jahren konnte sich Natascha Kampusch nach acht Jahren in Gefangenschaft selbst befreien und nun dieser schreckliche Fall in Amstetten. Ist das etwas typisch Österreichisches?

Berger: Ich bin zurückhaltend, aus diesen Fällen einen österreichischen Volkscharakter abzulesen. Was aber stimmt, ist die Tatsache, dass die Position von Kindern in diesem Land nach wie vor keine sehr starke ist. Kinder werden in Österreich tendenziell als Objekte und nicht als Rechtssubjekte betrachtet. Das ist zwar nicht die Ursache für solche Verbrechen, aber in so einer Gesellschaft ist es eben leichter, Kindern sämtliche Rechte abzusprechen und sie zum eigenen Besitz zu degradieren.

Deshalb sollten Kinderrechte endlich ihren Platz in der österreichischen Verfassung bekommen – übrigens etwas, das die UNO schon seit mehr als zehn Jahren fordert. Natürlich hat sich im Bereich Kinderschutz in den vergangenen zwei Jahrzehnten einiges getan, aber Österreich ist kein Land, in dem Kinder einen guten Status haben. Davon sind wir noch ein ordentliches Stück entfernt.

Das Gespräch führte Nina Horaczek.