Er ist der "Teufel, der Gott sein wollte", ein "Herr über Leben und Tod" im "Horrorhaus" oder auch einfach nur ein "Monster": Seit vergangenem Sonntag bekannt wurde, dass ein 73-jähriger Österreicher in der Kleinstadt Amstetten seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies sperrte, sie vergewaltigte und insgesamt sieben Kinder mit ihr zeugte, überschlägt sich die österreichische Boulevardpresse in Superlativen. Wer hätte auch "erhoffen" können, dass zwei Jahre nach dem Fall Natascha Kampusch nochmals ein derart spektakulärer Kriminalfall die Auflagenzahlen nach oben schießen lässt?

Wie im Fall Kampusch, die im Alter von zehn Jahren auf dem Weg zur Schule entführt worden war und sich erst acht Jahre später selbst befreien konnte, zeigen die Billigblätter auch diesmal wenig Rücksicht auf diejenigen, die unter dem Skandal am meisten leiden. Immerhin soll der verdächtige Josef F. nicht nur seine Tochter seit ihrem elften Lebensjahr missbraucht und im Jahr 1984, nach einem gescheiterten Versuch auszureißen, in ein von ihm errichtetes Verlies im Keller seines Hauses gesperrt haben. Auch drei seiner Kinder, die er mit der eigenen Tochter zeugte, wurden im Kellerversteck geboren und nun erst im Alter von 19, 17 und fünf Jahren von der Polizei befreit. Ein Baby war kurz nach der Geburt verstorben, die Leiche verbrannte F. im Heizungsofen.

Drei weitere Kinder wuchsen im selben Haus bei Oma und "Opa" auf, der in Wirklichkeit ihr Vater war. Josef F. legte sie jeweils als Babys vor das Haus, mit einem fingierten Brief der Mutter, in dem sie die Großeltern bat, sich um die Kinder zu kümmern, weil sie dies nicht könnte.
Und es gibt eine Ehefrau von Josef F., die beteuert, nichts von den Machenschaften ihres Mannes geahnt zu haben und die sich nun ebenfalls in psychiatrischer Behandlung befindet. "Will nichts bemerkt haben", steht neben dem Bild von Frau F., dass die Kronen Zeitung , mit 42 Prozent Reichweite Platzhirsch unter Österreichs Tageszeitungen, am Tag nach der Befreiung ihrer Tochter veröffentlichte. Ohne einen schwarzen Balken vorm Gesicht.

Auch der Name der Frau wurde nicht abgekürzt. Gleich daneben noch zwei Passfotos: Bilder zweier Kinder, zwölf und 14 Jahre alt, unter vollständiger Namensnennung, ungepixelt. Der Bub und das Mädchen sind zwei der drei Kinder, die F. bei sich aufnahm. Sie wuchsen in Amstetten auf, gingen zur Schule, waren in der Gemeinde integriert, und mussten jetzt nicht nur erfahren, dass ihr "Großvater" ihr Vater ist, die verschwunden geglaubte Mutter im Keller leben musste und sie noch drei Geschwister haben. Sie müssen nun auch damit klarkommen, dass ganz Österreich ihr Gesicht kennt.

"Das ist ein klarer Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte dieser Kinder und das wissen die Medien, die so etwas tun, ganz genau", sagt die Rechtsanwältin und Medienrechtsexpertin Maria Windhager. Solche Grenzüberschreitungen würden absichtlich in Kauf genommen, "und es gibt auch ein Publikum, dass diese Zeitungen kauft."

Um dieses Publikum kämpfen in Österreich gleich drei Tageszeitungen: Die Kronen Zeitung aus dem Hause Hans Dichand, Heute, dessen Herausgeberin Eva Dichand, die Schwiegertochter von Hans und die Ehefrau von Krone -Chefredakteur Christoph Dichand, ist. Und Österreich , ein erst vor zwei Jahren vom langjährigen Magazinmacher Wolfgang Fellner gegründetes Blatt. "Fellnerismus" lautet in Österreichs Medienwelt ein geflügeltes Wort, mit dem die Tendenz beschrieben wird, zuzuspitzen, zu skandalisieren und in der Berichterstattung immer tiefer in die persönliche Sphäre von Menschen vorzudringen, seien es Prominente oder eben auch Opfer.

Das Oberlandesgericht Wien hat vor einem Jahr entschieden, Fellners Methoden dürfe man ruhig als "Hyänenjournalismus" bezeichnen. News , ein Boulevardmagazin, das einst von Fellner gegründet wurde und mittlerweile Gruner & Jahr gehört, schlachtet das "Drama einer Frau, die ihrem Vater sieben Kinder gebar" in seiner eben erschienenen Ausgabe nicht nur in detaillreich in bunten Farben aus. Sondern es platzierte die Kinderfotos samt einem Bild aus der Jugend der eingesperrten Mutter auch noch auf dem Cover - damit nur ja keiner deren Gesichter vergisst.
Das Gemetzel auf dem Boulevardmarkt geht also weiter.

Im Fall Natascha Kampusch sei der Gipfel der aggressiven Berichterstattung erreicht gewesen, dachte man vor zwei Jahren. "Damals haben wir erwartet, dass sich ganz Europa für diesen Fall interessieren wird", sagt Monika Pinterits, Kinder- und Jugendanwältin der Gemeinde Wien, die eine der Betreuerin von Kampusch war, "aber stattdessen war die ganze Welt da". Es sei "wirklich schwierig" gewesen, die schwer traumatisierte junge Frau vor der Medienmeute zu schützen. "Damals wurde sogar von Journalisten recherchiert, wo meine Privatwohnung ist. Wenn ich Frau Kampusch besuchen wollte, musste ich zuerst im Zick-Zack-Kurs durch die Stadt, damit mich keiner verfolgen konnte."

Kampuschs Vater geriet in eine Rauferei mit einem Kamerateam, das die Familie Tage lang verfolgte, in der Hoffnung, möglichst exklusive Bilder des Opfers zu schießen. Auf der Straße gebe es eben keine Privatsphäre, verteidigte sich das Fernsehteam.

Kampusch entschied sich schließlich für die Konfrontation: Sie gab dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ORF und ausgewählten Medien Interviews, zeigte der Welt ihr Gesicht. Die Strategie ihrer Betreuer lautete, durch öffentliches Auftreten den Druck zu nehmen, damit Kampusch sich endlich frei in der Öffentlichkeit bewegen kann. Ansonsten wäre dem Opfer nur geblieben, nach acht Jahren Gefangenschaft ihr Leben weiter als Geisel zu führen, diesmal der Medien, auf der Flucht vor den Objektiven des Boulevards.

Die Strategie ging nur zum Teil auf: Kampusch kann zwar in Österreich leben, ohne ständig bedrängt zu werden. Aber der Boulevard wälzt weiterhin intime Details aus ihrem Leben aus: "Natascha: So schön ist ihre erste Liebe" stand in der Heute , als ein Paparazzo Kampusch in männlicher Begleitung in einer Disco ablichtete. Zuletzt wurde, nachdem Teile der polizeilichen Kampusch-Akte auf unbekanntem Wege die Medien erreichten, in den Zeitungen spekuliert, wie intim das Verhältnis des Mädchens zu ihrem Entführer war. "Man kommt sich wie ein Tier im Zoo vor", reagierte Kampusch auf die Berichterstattung.

Solche Enthüllungen sind schon für normale Menschen unerträglich. Bei Gewaltopfern kann eine solche Berichterstattung aber zu einer Retraumatisierung führen – weil sie keine Chance bekommen, unter professioneller Betreuung ihre Traumata zu verarbeiten. Stattdessen werden sie von den Medien immer wieder mit ihren traumatischen Erlebnissen konfrontiert. "Dieser Familie in Amstetten, bleibt wohl nichts anderes übrig, als auszuwandern und sich wie in einem Zeugenschutzprogramm eine neue Identität zuzulegen", sagt Pinterits. Denn in Österreich würden sie immer gefunden.

Natürlich schützt das Medienrecht auch in Österreich die Rechte der Opfer auf Privatsphäre. Aber die Höchststrafe von 20.000 Euro zahlen Verlage, deren Auflage mit Hilfe der Skandal-Berichte steigt, "mit der linken Po-Backe", wie es die Kinder- und Jugendanwältin formuliert.

Sicher gibt es nicht nur in Österreich ungebremsten Sensationsjournalismus. "Aber im Vergleich etwa zu Deutschland sehe ich schon zwei massive Unterschiede", meint die Medienanwältin Windhager: "Erstens sind bei solchen Verletzungen der Privatsphäre die Summen, die deutsche Medien bezahlen müssen, ungleich höher. Und zweitens gibt es in Deutschland nicht nur Boulevard, sondern auch Qualitätsmedien."

In Österreich hingegen sei die Boulvardisierung viel weiter vorangeschritten. So hat auch der öffentlich-rechtliche ORF, eigentlich die Speerspitze des seriösen Journalismus im Land, den vollen Namen des Täters veröffentlicht. Und hat genau dadurch mitgeholfen, dass auch die Opfer dieser Tragödie leichter zu identifizieren sind.

Aber zumindest die Polizei hat aus dem Fall Kampusch gelernt: Von dem Keller-Verlies in Amstetten wurden zwar Bilder herausgegeben, allerdings nur jene, auf denen die engen Gänge in dem Sechzig-Quadratmeter-Versteck und die sanitären Einrichtungen zu sehen sind. Fotos der Schlafräume wurden den Medien bewusst nicht zur Verfügung gestellt.

Bei Kampusch durfte die Öffentlichkeit ihr Kellerverlies in allen Details begutachten, samt der Wäsche, die das Mädchen dort aufgehängt hatte, den Kleinigkeiten an der Wand, mit dem sie das Versteck unter der Erde zu einem Zuhause schmückte, und all ihrer persönlichen Dinge, die dort noch herumlagen. Bis schließlich das Opfer die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen musste, dass dies wohl ihre Privatsphäre sei.