Der Rückzug des designierten Thüringischen Kultusministers Peter Krause erfolgte nach einem bei der CDU mittlerweile schon bekannten Ritual. Zunächst erregte der promovierte Germanist mit zweifelhaften Kommentaren Aufmerksamkeit, dann fühlte er sich falsch verstanden und sogar verfolgt: Nicht seine Ansichten hätten ihn für das Amt disqualifiziert, vielmehr sei „eine Kampagne“ gegen ihn geführt worden, der er nun zum Opfer fiele!

Gut möglich, dass sein Abgang nicht ganz freiwillig erfolgte. Vielleicht wurde von der Parteizentrale ein wenig nachgeholfen. Mit einem Kultusminister, der in seiner Vergangenheit Claus Graf Schenk von Stauffenberg als „Mittäter des 20. Juli“ bezeichnet hat und das Horst-Wessel-Lied, die Hymne der NSDAP, auf Lateinisch in einer rechtsextremen Zeitung veröffentlichte, hätte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Dauer ihre Schwierigkeiten gehabt.

Auch wenn die CDU im Fall von Peter Krause gerade noch die Notbremse zog, kann sie ein strukturelles Problem nicht mehr verschleiern: Denn während sich die Parteiführung um Bundeskanzlerin Angela Merkel um ein einigermaßen liberales Image bemüht, scheren immer wieder CDU-Funktionäre nach rechts außen aus. So lobt Merkel unentwegt die Zivilgesellschaft, kritisiert autoritäre Regime und trifft den Dalai Lama. Sie weiß, dass einflussreiche Teile der Wirtschaft auf eine offene Gesellschaft setzen, weil Innovation und Kreativität nicht mit einem von dumpfen Ressentiments geprägten Land zu vereinbaren sind - von dringend benötigten ausländischen Fachkräften ganz zu schweigen. Und so versucht Angela Merkel, das junge, urbane Bürgertum anzusprechen, das mit verstaubten Stammtischparolen nichts mehr anzufangen weiß. Schließlich sind ohne diese Schichten, wie jüngst in Hamburg deutlich wurde, keine Wahlen und keine Mehrheiten mehr zu gewinnen.

Doch allein mit der - partiellen - Zustimmung des sogenannten neuen Bürgertums ist Erfolg nicht garantiert, denn vor allem in der unteren Mittelschicht dominiert mittlerweile die Angst vor sozialem Abstieg. Nach neuen Studien von McKinsey und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Mittelschicht dramatisch geschrumpft; eine Fortsetzung dieser Entwicklung wird prognostiziert. Und wer nicht mehr zur Mittelschicht gehört, ist meist nicht auf-, sondern abgestiegen.

Während auf der einen Seite die Regierung ökonomische Globalisierungsprozesse und Internationalität fördert, ist auf der anderen Seite die Flucht ins Nationale, die patriotische Introversion, die Suche nach Geborgenheit im Vertrauten, Regionalen eine weit verbreitete Antwort auf diese berechtigten und keineswegs paranoiden Abstiegsängste. Hierbei wird jedoch von einem Heimatbegriff ausgegangen, der ideengeschichtlich noch im spätromantischen nationalstaatlichen Denken des 19. Jahrhunderts verankert ist.

Mit ihrem obsoleten Weltbild schaden die neuen Rechten jedoch ihrem geliebten Vaterland: Denn nach Ansicht vieler Experten beeinträchtigt die Fremdenfeindlichkeit, die keineswegs nur ein Problem der neuen Bundesländer ist, die hiesige Wirtschaft in nicht unerheblichem Maße. Die vielen Überfälle auf ausländische Mitbürger sind auch Gegenstand der Presse in Ländern wie Indien, Vietnam und Thailand gewesen – wer es vermeiden kann, geht nicht mehr nach Deutschland. Daher hat die CDU das Problem, einerseits das gehobene weltläufige Bürgertum vertreten und andererseits in einer dauerhaften Symbiose mit dem rechtspopulistischen Parteiflügel leben zu müssen.