(Beachten Sie zum Thema auch die Video-Reportage mit Originalbildern und -tönen aus dem Regenwald von Borneo).

Wenn Mincho Kacar frühmorgens den Fluss hinauffährt, ist es, als lenke da einer sein kleines Motorboot durch das letzte Paradies: Nebelschleier über dem Wasser schwinden mit den ersten Sonnenstrahlen, Tukane mit großen, bunt leuchtenden Schnäbeln erheben sich in die Luft. Viele Kilometer weit schlängelt sich der Fluss durch den Regenwald im malaiischen Staat Sabbah im Norden Borneos. Der 25-jährige Mann im Boot blickt zu den Bäumen am Ufer hinauf. Er weiß, dass hoch oben in den Zweigen häufig Trupps von Nasenaffen nächtigen. Tatsächlich entdeckt er ein ausgewachsenes Männchen mit besonders auffälliger, großer Nase. Der melodische Gesang eines Gibbon-Pärchens schallt über das Wasser und den gesamten Wald. Wie Akrobaten turnen die Affen in den Ästen. Mincho reckt den Hals, um vielleicht auch noch einen Orang-Utan zu entdecken. Normalerweise sieht er viele der roten Menschenaffen in den Bäumen.

Und das ist nicht gut. Denn es bedeutet: Das Paradies von Mincho ist ein Paradies in Gefahr. Weil der Regenwald schwindet, bleibt den Orang-Utans auf Borneo nicht mehr viel grünes Dickicht zum Leben. Darum sind sie sichtbar. Vor knapp 20 Jahren lebten hier nach Angaben der Tierschutzorganisation WWF noch 180.000 Orang-Utans. Heute bietet der Wald nur noch 30.000 bis 45.000 roten Menschenaffen ein Zuhause. Ein Zuhause, das schrumpft: Von der einst vollständig bewaldeten Insel ist heute nur noch knapp die Hälfte grün, denn die Regenwaldrodung nimmt auf Borneo ein bedrohliches Ausmaß an: Jede Minute stürzen 2,5 Hektar Wald regelrecht ein.

Als Kind, sagt Mincho, hat er Waldelefanten, Orang-Utans und Nasenaffen fast nie gesehen. Eher konnte er sie hören, wenn das Knacken der Äste verriet, dass sie da waren. Doch jetzt rollen Bulldozer durch den Wald und Kettensägen schreien. Im großen Stil wird der Regenwald abgeholzt, um das Land in Palmölplantagen zu verwandeln. „Jetzt kommen die Tiere immer häufiger an den Fluss, weil ihnen der Wald zu eng wird“, sagt Mincho und in seiner Stimme klingt Traurigkeit und Wut mit. Sein Regenwald ist nicht mehr das, was er einmal war. Das einst zusammenhängende große Baumreich ist heute zerstückelt wie ein unfertiges Puzzle. Die letzten grünen Oasen sind klein und umgeben von kilometerweiten biologischen Wüsten - Plantagen, auf denen Ölpalmen in Monokulturen wachsen. Die müssen die Menschenaffen durchqueren, um von einer zur nächsten Regenwald-Insel zu gelangen, in der sie nach nahrhaftem Futter suchen können. Das zwingt sie, aus den Baumkronen hinabzusteigen und sich auf dem Boden zu bewegen – obwohl die Evolution das eigentlich nicht vorgesehen hat. Mit Armen, die anderthalbmal so lang sind wie ihre Beine, und ausgeprägten Greifextremitäten, sind Orang-Utans Baumakrobaten, keine Spaziergänger.

Mincho hat sich entschieden, nicht tatenlos zuzusehen, wie der letzte Regenwald Kettensägen und Rodungsfeuern zum Opfer fällt. Er hat sich dem Kinabatangan Orang-Utan Schutzprojekt der französischen Nichtregierungsorganisation „Hutan“ angeschlossen und arbeitet dort als wissenschaftlicher Assistent. Seitdem verbringt der junge Mann viele Stunden im Regenwald, beobachtet und zählt die roten Menschenaffen. Ihr Schutz ist ihm zur Lebensaufgabe geworden. Dafür will er auch andere begeistern, Menschen in seiner unmittelbaren Nähe: Freunde, Nachbarn, die lokalen Gemeinden am Kinabatangan-Fluss.