Wer kennt es nicht, das Märchen vom Hasen und vom Igel: Der Hase rennt und rennt – aber immer, wenn er das Ziel erreicht, ist der Igel schon da. Ähnlich geht es derzeit auch beim Internet- und Mobilfunkanbieter Freenet zu. In einem hochriskanten Deal hat das Unternehmen den Konkurrenten Debitel geschluckt. Freenet-Chef Ekkehard Spoerr verheißt, durch die Übernahme werde der mit rund 19 Millionen Kunden drittgrößte Mobilfunkanbieter Deutschlands entstehen.

In Wirklichkeit geht es für Freenet darum, als unabhängige Firma zu überleben. Der Kauf des fast doppelt so großen Wettbewerbers Debitel ist ein verzweifelter Schachzug, um die drohende Zerschlagung des eigenen Unternehmens zu verhindern. Denn Freenet ist selbst ein Übernahmekandidat: Der Internetkonzern United Internet hatte sich mit dem Mobilfunkanbieter Drillisch verbündet, um Freenet zu kaufen. Anschließend sollte das DSL-Geschäft an United Internet und die Mobilfunksparte an Drillisch gehen. Nur für Freenet-Chef Spoerr wäre in diesem Planspiel kein Posten vakant gewesen.

Vordergründig ist Spoerr nun der Gewinner. Er hat nicht nur das Kommando über Freenet zurückerobert, sondern kann noch dazu hochfliegende Zukunftspläne verkünden. Scheinbarer Verlierer ist United Internet, dessen Chef Ralph Dommermuth sich nun möglicherweise mit Verlust von seiner zusammen mit Drillisch gehaltenen Freenet-Beteiligung trennen muss.

Doch bei näherer Betrachtung sieht die Lage anders aus. Ob Spoerr seinen Job durch die Übernahme von Debitel seinen Job langfristig retten kann, ist zweifelhaft. Denn ein großer Teil des Kaufpreises für Debitel, immerhin 1,6 Milliarden Euro, soll durch Schulden finanziert werden – angesichts des Freenet-Vorsteuergewinns von 164 Millionen Euro im Jahr 2007 ist das nicht unbedingt eine solide Finanzierung.

Besonders bitter für die Aktionäre ist, dass Freenet in der Konsequenz schon mal die Dividende ausfallen lassen will. Der Finanzinvestor Permira, der Spoerr derzeit noch unter die Arme greift, will denn auch so schnell wie möglich aussteigen. Dann jedoch könnte das hochverschuldete Unternehmen schnell zum Spielball der Aktienzocker werden.

Dommermuth seinerseits hat zwar für den Moment den Zukauf eines attraktiven DSL-Kundenstamms verpasst. Positiv zu bewerten ist jedoch, dass für ihn die ökonomische Vernunft offenbar wichtiger ist als Wachstum um jeden Preis. Die Geduld beim Warten auf gute Gelegenheiten hat er übrigens schon in früheren Geschäften unter Beweis gestellt. Seine Aktionäre sind Miteigentümer eines profitablen und solide finanzierten Unternehmens.