Bücher, wo man hinsieht Bücher. Sie stapeln sich, dicht gepackt in Regalen, türmen sich auf Tischen und Stühlen, Sofas und Sesseln. Auch auf dem Plätzchen unter dem niedrigen Couchtisch. "Das ist nur die Spitze des Eisberges", sagt Georg Salzmann und setzt sich auf das braune, etwas abgeschabte zweisitzige Ledersofa im Wohnzimmer. Der Platz neben dem 79-Jährigen ist schon belegt: von einem Bücherstapel.

Doch die meisten Bände finden sich im Keller, in seinem "Archiv", wie Salzmann sagt. Es ist die "Bibliothek der verbrannten Bücher". Der Begriff ist etwas irreführend. Es handelt sich nicht um Bücher, die jemand aus den Scheiterhaufen gezogen hatte, die die Nazis im Mai 1933, nur kurz nach ihrer "Machtergreifung", entfacht hatten, um in den Flammen den deutschen Volkskörper vom "Schund" marxistischer, jüdischer und pazifistischer Autoren zu reinigen.

Salzmann sammelt keine beschädigten Bücher, sondern bestens erhaltene, oft wertvolle Erstausgaben jener Schriftsteller, die damals auf den schwarzen Listen der Nazis standen. Die Bibliothek umfasst etwa 14.500 Bände und ist wohl die einzige ihrer Art weltweit. Werke von Heinrich Mann, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Joseph Roth, Max Brod, Franz Werfel, Hermann Kesten und vielen anderen Verfehmten, Ermordeten und ins Exil Getriebenen stehen in meterlangen Bücherregalen im Keller eines Einfamilienhauses im Münchner Vorort Gräfelfing.

Etwa 80 Autoren sind in Salzmanns Archiv fast vollständig oder lückenlos dokumentiert, weitere 30 Autoren zumindest mit ihren wichtigsten Werken. Nur Salzmann kennt die geheime Ordnung seiner Bibliothek. Einen Katalog gibt es nicht. "Meine Aufgabe war es, zu retten, was zu retten ist. Die bibliografische Erfassung müssen junge Wissenschaftler übernehmen." In einem jüngst veröffentlichten Gutachten bescheinigten Experten der Bayerischen Staatsbibliothek die "Einzigartigkeit" der Sammlung. Sie sei ein Ensemble, dem im privaten Bereich nichts entgegengestellt werden könne. Heutzutage dürfte es kaum noch möglich sein, eine derartige Sammlung in vorliegender Fülle zusammenzubringen.

Der Büchernarr und passionierte Sammler stammt aus Thüringen und war bis zu seiner Pensionierung 1994 als Finanzkaufmann im Wohnungsbau tätig. Sein Elternhaus sei "tiefbraun" gewesen, sagt Salzmann. Vater und Großvater waren überzeugte Nazis; auch er selbst sei vom braunen Gedankengut infiziert gewesen. Erst allmählich habe er als junger Mann nach Kriegsende erfasst, was die Nazis angerichtet hätten. Doch eine Art persönlicher Vergangenheitsbewältigung sei seine Sammelleidenschaft nicht. Er sei eher zufällig auf die verfemten Schriftsteller aufmerksam geworden.

Salzmann begann 1976, seine Bibliothek systematisch aufzubauen. Ihm fiel ein Essay des expressionistischen Schriftstellers Ernst Weiß in die Hand, der ihn faszinierte. Zuerst suchte er nach weiteren Werken des jüdischen Autors, der 1940 in Paris Gift nahm und sich die Pulsadern aufschlitzte, nachdem die Wehrmacht einmarschiert war.

Nach und nach kamen die anderen hinzu. All die Großen der Weltliteratur oder die etwas Kleineren, die auf hoffnungsvollem Weg waren, als sie von den Nazis gebrandmarkt wurden. Jede freie Minute stöbert Salzmann noch bis heute auf Trödelmärkten, Dachböden und in Antiquariaten. Voran in der Schweiz und den Niederlanden wurde er fündig, weil es in diese Länder viele der Verfolgten verschlagen hatte.

"Das ist mein Herzblut", sagt Salzman und deutet unten im Dämmerlicht des Kellers auf ein mit Büchern vollgepacktes Regal. Hier finden sich fast alle Werke Stefan Zweigs, beginnend mit der 1906 edierten Gedichtesammlung Die frühen Kränze bis zu seinem historischen Roman Balzac , der kurz nach Kriegsende posthum herauskam. Zweig hatte sich 1943 in seinem brasilianischen Exil das Leben genommen.