"Endlich finden sie Gehör"

ZEIT online : Am 30. April standen Sie mit den Ausgaben des ZEITmagazins vor dem Werkstor der Backfabrik Weinzheimer, wo sie einen Monat lang verdeckt gearbeitet haben . Wie waren die Reaktionen?

Günter Wallraff : Die Kollegen waren verängstigt und eingeschüchtert. Sie mussten unterschreiben, dass sie weder mit der Presse noch mit alten Arbeitskollegen reden. Ich habe versucht, den Inhaber zu sprechen, aber der ließ sich verleugnen. Daraufhin habe ich Hausverbot erhalten und bin vom Fabrikbesitzer angezeigt worden wegen Hausfriedensbruchs.

ZEIT online : Stehen Sie mit Ihren ehemaligen Kollegen jetzt noch in Kontakt?

Wallraff : Ja, einige riefen mich nachher an und baten um Verständnis, dass sie an dem Tag der Veröffentlichung nicht mit mir sprechen konnten, weil sie unter Beobachtung standen. Keiner hat sich beschwert, dass ich übertrieben hätte. Im Gegenteil, es haben sich sogar eine ganze Reihe weiterer Insider bei mir gemeldet, darunter sogar ehemalige Werks- und Produktionsleiter. Sie haben meine Berichte bestätigt und mir darüber hinaus noch viel mehr erzählt. Ich bin im Wort und kümmere mich darum, dass sich einiges grundlegend ändert.

ZEIT online : Der einzige Kunde der Firma, der Lidl-Konzern, hat sich hinter Weinzheimer gestellt. Ihr Bericht hätte aber auch zur Schließung des Betriebs führen können. Hatten Sie Skrupel angesichts dieser Konsequenz?

Wallraff : Da bin ich gespalten. Für viele Angestellte wäre eine Schließung der Fabrik eine Erlösung, weil sie vom Arbeitsamt dorthin verpflichtet worden sind. Sie können nicht selbst kündigen, weil sie sonst eine Sperre auferlegt und kein Arbeitslosengeld bekommen. Ich will aber auch gar nicht, dass der Laden zumacht. Wenn sich dort grundlegend etwas zum Positiven ändert, ist das eine viel größere Genugtuung.

"Endlich finden sie Gehör"

ZEIT online : Glauben Sie denn daran?

Wallraff : Im Moment bin ich eher zuversichtlich. Es hat sich ja schon einiges getan, zumindest im hygienischen Bereich: Die Produktion wurde mehrere Tage lang stillgelegt, Reinigungskolonnen haben den Schimmel beseitigt. Außerdem kamen drei LKWs mit neuen Maschinenteilen für die maroden Anlagen.
Aber letztlich geht es darum, die Straflager-Bedingungen, unter denen dort gearbeitet wird, zu ändern. Der Inhaber steht jetzt massiv unter dem Druck der Öffentlichkeit. Er weiß, dass er etwas tun muss, weil er sonst seinen einzigen Arbeitgeber Lidl verlieren könnte.

ZEIT online : Bei Ihrem gemeinsamen Auftritt in der Sendung Kerner am Dienstagabend haben Sie dem Lidl-Aufsichtsratschef Klaus Gehrig vorgeschlagen, gemeinsam mit Ihnen zwei Tage lang bei Weinzheimer zu arbeiten. Er hat abgelehnt.

Wallraff : Ja, aber nach der Sendung hat er mir versichert, dass er sich dafür einsetzen wird, dass sich die Arbeitsbedingungen grundlegend verbessern werden. Außerdem ist er auf meinen Vorschlag eingegangen, dass ich das überprüfen könnte, indem ich noch einmal eine Woche offiziell dort arbeite. Voraussetzung ist natürlich, dass das Hausverbot gegen mich aufgehoben wird.

ZEIT online : Große Schuldeingeständnisse waren von Gehrig in der Sendung aber nicht zu hören.

Wallraff : Herr Gehrig ist natürlich geschult und man hat das Gefühl, er schwebt irgendwo im Orbit. Allerdings ist er dann doch noch aus der Rolle gefallen und hat mich als "Quertreiber" bezeichnet. Aus seinem Mund nehme ich das als Kompliment, wenn man berücksichtigt, welcher "geschlossenen Gesellschaft" er als Lidl-Chef vorsteht.

"Endlich finden sie Gehör"

ZEIT online : Die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach hat ein Ermittlungsverfahren gegen den Betrieb eingeleitet, unter anderem wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung, Nötigung und Verstößen gegen Tierschutz- und Lebensmittelbestimmungen.

Wallraff : Es gibt viele ehemalige Mitarbeiter, die sich freuen werden, dass ihre jahrelangen, leidvollen Erfahrungen endlich Gehör finden. Ich habe bei all meinen bisherigen Reportagen noch nie so viele Zeugen mit eidesstattlichen Erklärungen bekommen, die geradezu darauf brennen, ihren Fall in der Öffentlichkeit zu schildern.

ZEIT online : Sie fordern die Verbraucher auf, nicht mehr bei Lidl einzukaufen. Eine harte Forderung, wenn man von einem Hartz-IV-Empfänger ausgeht.

Wallraff : Man sollte solche Läden meiden. Weil sonst irgendwann nur noch ganz wenige alles bestimmen. Laut einem EU-Bericht verkaufen schon jetzt sieben Großdiscounter 70 Prozent der Lebensmittel in Europa. Damit diktieren sie die Preise, verschlechtern die Arbeitsbedingungen ganz wesentlich und belasten die Umwelt. Hier entsteht eine Monopolisierung des Marktes. Das müssen wir verhindern und deshalb sollte man solche Ketten boykottieren. Auch im Interesse der eigenen Gesundheit sollte man lieber die qualitativ bessere Ware kaufen. Ein gutes Brot beim Bäcker ist oft gar nicht mal teurer als zehn Aufbackbrötchen.

Das Interview führte Carolin Ströbele .

Eine Aufzeichnung der Diskussion zwischen Günter Wallraff und Lidl-Aufsichtsratschef Klaus Gehrig bei der Sendung Kernersehen Sie hier.

Die entwürdigenden Arbeitsbedingungen in der Backfabrik hat Günter Wallraff auch filmisch dokumentiert. Die 30-minütige Dokumentation "Günter Wallraff undercover: Wo Arbeit wehtut" von Pagonis Pagonakis und Georg Lolos können Sie bei Captator Film bestellen. Der Film kostet einzeln 15 Euro, zusammen mit "Günter Wallraff undercover im Callcenter" insgesamt 25 Euro (jeweils zzgl. Versandkosten).