"Also in den Busen-Tempel wollen Sie", grinst der Taxi-Fahrer, als ich die Adresse vorlese: Kölner Werkschulen, Ubierring 40. Aha, scheint das doch eine bessere Veranstaltung zu werden, als die Einladungskarte verspricht: "Hommage à Karl Marx — Galadiner für berühmte Namensträger"?
Bisher hatte ich außer "Frau Holle", "Frau Bolte" und einer in Begleitung von "Herrn Hinz" angekündigten "Frau Kunz" auf der Liste der Ehrengäste noch niemanden entdeckt, der zu den verheißenen kulinarischen Genüssen, vom Bismarck-Hering über Tournedos Rossini bis zur Mozart-Kugel, auch optisch-haptische Freuden hätte erwarten lassen — aber wer läßt sich nicht gern überraschen.

"Sehen Sie die schönen Brüstchen", meint der Fahrer, als ich nach dem Geldbeutel fingere, und weist auf die gewölbten Gußstein-Platten, die dem Rasterbau der Fachhochschule für Kunst & Design, vergebens, jene Heiterkeit zu geben versuchen, die den rheinischen Spitznamen dieses Musen-Tempels rechtfertigen könnte.

Ich tröste mich damit, gleich Johann Wolfgang Goethe persönlich die Hand drücken zu dürfen. Der ist ebenso geladen wie Hamlet und Karl Marx, Friedrich Engels, Kant und Hegel, Friedrich Schiller, Wilhelm Teil, Heinrich Kleist und Jakob Grimm, Karl May und Richard Wagner, Albrecht Dürer, Julius Cäsar, Frankenstein und Hans Dampf.

Aufgespürt und eingeladen hat die Herrschaften der Hans Dampf in allen Gassen der künstlerischen Avantgarde während der letzten zwanzig Jahre, der Rumäne mit dem Schweizer Paß: Daniel Spoerri. Den ehemaligen Ersten Solotänzer am Berner Stadttheater dürfen wir auch einen ausgebildeten Pantomimen nennen, Regisseur (etwa der deutschsprachigen Erstaufführung von lonescos Kahler Sängerin oder der Uraufführung von Picassos Spiel Wie man Wünsche am Schwanz packt ), Dichter, Objekte-Macher, Bühnenbildner (zur Zeit für Peter Zadeks Inszenierung von Shakespeares Wintermärchen in Hamburg), Schriftsteller ( Gastronomisches Tagebuch , Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls ), melancholischen Clown und und und...

An diesem Abend in Köln wird der "Archäologe der Gegenwart" (wie ihn der Pariser Kunstkritiker Alain Jouffroy genannt hat), der Erfinder multipler Kunst und der "eat art", der Eß-Kunst, wieder einmal als "cuoco secreto", als Geheimkoch, tätig; diesen Titel hat er sich selber verliehen im Untertitel zu seinem gastronomischen "Itinerarium für zwei Personen auf einer ägäischen Insel".

Seit wenigen Monaten trägt dieser in vielen Sprachen bewanderte, heute in Paris, morgen in New York lebende, nirgends heimische Globetrotter mit den traurigen Ahasverus-Augen im lustigen Gesicht auch — mit Billigung deutscher Kultus-Bürokratie — einen griechischen Titel. Der frischgebackene Professor der Multimedia-Kiasse stellte sich dem Direktor der Kölner
Kunstschule vor - da sagte der andere Professor: "Karl Marx." Er hatte damit — Verfassungsschützer bitte ruhig weiterlesen - nicht sein Glaubensbekenntnis, sondern seinen Namen ausgesprochen.

Daniel hieße nicht Spoerri, wenn da nicht einer der doppelten Böden, auf denen sich dieser Gratwanderer zwischen Traum und Wirklichkeit, Kunst- und Alltagswelt ständig bewegt, eingebrochen wäre. Das rosige Rasiergesicht des freundlich parlierenden Kölner Malers verschwand im Rauschebart des Trierer Theoretikers der Weltrevolution. Der Spieler und Spinner Spoerri war sofort hellwach. Und war es noch, als er längst schlafen sollte in seiner kahlen Professoren-Bude. Also wieder auf und das Telefonbuch ins Bett geholt. Tatsächlich: Der Mann heißt Karl Marx. Wie, wenn es auch einen Friedrich Engels gäbe? Nein. Es gibt nicht nur einen, es gibt im Kölner Telefonbuch gleich zwei Friedrich Engels. Und bei dem einen steht: "Installateurmeister".

Damit war dem Erfinder des "Fallen-Bildes" und der "Desillusions-Bilder" wieder ein Stück Leben in die Falle gegangen. Diesen anachronistischen Stolper-Effekt fürs Denken und Empfinden wollte Spoerri auch anderen bescheren. Was geschieht mit jemandem, der im Telefonbuch als "Gerhard Hauptmann. Braumeister" lebt? Weiß er, daß es einen G. H. gibt, den viele Telefon-Benutzer kennen? Stört solche Namensgleichheit im privaten oder beruflichen Leben?