Mit jeder Stunde wird das Ausmaß des schweren Erdbebens in der Provinz Sichuan deutlicher. Nun liefern die staatlichen Medien das erste Video aus dem unmittelbaren Umkreis des Epizentrums, dem Kreis Wenchuan: Viele der einstöckigen, erdbraunen Häuser der Gemeinde Yingxiu sind in sich zusammengesackt. Straßen und Brücken in der Gebirgsregion sind zerstört. Vermutlich haben nur ein Drittel der rund 9000 Einwohner überlebt.

Das schätzen die Rettungskräfte der Armee und der Militärpolizei aus Chengdu, die in den frühen Morgenstunden des Mittwochs die Gemeinde erreichten. Aufgrund besserer Wetterverhältnisse konnten Militärflugzeuge erstmals Wasserflaschen, Milch und Fertignudeln über den Unglücksorten abwerfen. Einige Hundert Verletzte sind per Hubschrauber abtransportiert worden.

Die Berichte in den chinesischen Medien beschönigen nichts. Die Zahl derjenigen, die noch lebend unter den Trümmern geborgen werden können, ist gering. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldet regelmäßig neue Todeszahlen, aktuell sind es knapp 15.000 plus Zehntausende Verschüttete und Vermisste. Experten in einer Runde des staatlichen Senders CCTV 4 sprechen davon, dass die notwendigen Rettungskräfte und Ausrüstungsgegenstände nur sehr langsam in die am schwersten betroffenen Gebiete vordringen können.

Es sei eine "sehr große Herausforderung", die Überlebenden mit Nahrungsmitteln und Medizin zu versorgen. Es ist kühl im bergigen Sichuan, die Leute campieren in Behelfsunterkünften oder unter freiem Himmel. Premierminister Wen Jiabao reist durch die Erdbebenregion, tröstet und spricht Mut zu. Die Rettungskräfte feuert er an, um jedes einzelne Leben zu kämpfen. Zwischendurch ringt Chinas Regierungschef um Fassung. Er ist sichtlich bewegt.

So auch die chinesische Bevölkerung. Bei CCTV 4 schaut Moderator Wang am Nachmittag plötzlich sekundenlang auf seine Unterlagen und schweigt. Vor Fernsehern in Restaurants und öffentlichen Gebäuden der Hauptstadt Peking bleiben immer wieder Menschen stehen oder sitzen. Sie starren auf die Bilder des Unglücks. Es ist das erste Mal, dass Chinas Medien eine Katastrophe in vollem Ausmaß in die Wohnzimmer seiner Bevölkerung transportiert.