Am Vorabend saßen noch etwa 20 digitale Jünger unter 30 vor ihren Laptops, schauten sich über die Schulter, bei Barbetrieb und Musik im WLAN-Café. Nun aber ist es elf Uhr morgens und der Laden leer. Nein, einer harrt noch aus, der letzte seiner Sorte. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, wo er abgeblieben war, der letzte echte Bohemien. Er kippte fast in seinen Laptop und sinnierte angestrengt unter einem Resthaar-Ansatz. Vielleicht hatte er sich gut gehalten und war knapp unter 60. Vielleicht hatte er auch übel rumgesumpft und war erst 38.

Der genießerisch, aber auch erschöpft dasitzende Mann wirkte wie ein Bronze-Denkmal vom Typ „Arbeiter mit Denkerstirn“. Weder tippte er aufs Tastenfeld, noch surfte er im Internet. Er schien den Laptop nur vor sich aufgebaut zu haben, um sein scheinbares Nichtstun zu legitimieren. Als wäre Nichtstun ein Verbrechen.

Nach der Lektüre von Christiane Rösingers Roman Das schöne Leben war ich in eine zweiwöchige Depression verfallen, was den Zustand meiner Boheme-Generation anging. Na klar, habe ich mich sofort wiedererkannt. Nicht nur, dass in jedem Mann auch eine Frau steckt und umgekehrt: Wer nicht mit der Möhre auf dem Acker Downtown von Petula Clark sang, hat in der Vorpubertät vielleicht vor dem Wohnzimmerschrank gestanden. Und zu Get it on von T. Rex die Lippen bewegt.

Wer nicht wie Frau Rösinger aus der badischen Pampa vor Ackerbau und Viehzucht nach Berlin flüchtete, hatte es vielleicht aus der drögen Vorstadt in das lächerlich kleine Szeneviertel der ein- bis zwei Millionenstadt geschafft. Und so weiter. Dann stand man da mit Dutzenden von anderen in den geweihten Hang-out-Läden der achtziger und neunziger Jahre und war dabei, dem eigenen Lebenslauf einen K(n)ick zu verpassen, der mindestens durch die Kirche der Künste führte. Manche schafften den Umweg über ihre in der Subkultur akzeptierte Alkohol- und Drogensucht dann doch noch nach Hause, wo immer das war und ist.

Andere wurden einfach jünger, rekreierten sich selbst, erfanden sich in kleinen Gruppen neu, gründeten die alte Band noch mal, schrieben ein Buch über die Geschichte derselben, machten eine Bewegung auf oder wurden links liegen gelassen und arbeitslos. Davon handelt dieses Buch und erzählt die Geschichte mit vielen, kleinen und lieblichen Details. Diejenigen, die ein selten unterbrochenes Praktikum im Prekariat absolvier(t)en, werden sich mit Christiane Rösingers Ich-Erzählung besonders in den Kapiteln „Leben im Liegen“, „Champagnervergiftung“, „Intelligent ausgehen“, „Leben in der Bar“, „Erschöpfung im Nachtleben“ und vielleicht auch in „Die Posttourdepression“ wiederfinden. Unbekannt ist es nicht, wovon Christiane Rösinger in ihrem Buch berichtet.

Problematisch und erstaunlich aber bleibt der Versuch, sich deckungsgleich zu einem Begriff zu verhalten, damit die Identität nicht vornüberkippt oder verloren geht. Die Boheme spielt in diesem Roman eine große Rolle („Ist das noch die Boheme oder schon die Unterschicht?“, lautet der Titel eines Lebensabschnittskapitels). Das war schon immer die Krux am Hip-Sein, diese zwanghafte Anpassung an die Andersdenkenden. Im Niemandsland der Etikettenlosigkeit ist es ziemlich einsam.

Vielleicht sitzt aus diesem Grunde auch dieser letzte Bohemien im WLAN-Café, der offenbar eher zu einer Meditation ins Ungewisse ansetzt. Es sieht aus, als konzentriere er sich, kein Klischee abzugeben. Das aber misslingt sichtlich. Anscheinend hat er nicht vor, nichts vorzuhaben. Wer aber will sich so etwas anmerken lassen? Nicht einmal der Bohemien.