ZEIT online: Sie sind Journalistin und Autorin . Warum haben Sie ihr Buch Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF gerade jetzt veröffentlicht, fast 20 Jahre nach dem Attentat auf Ihren Patenonkel Alfred Herrhausen?

Carolin Emcke: Ich konnte es vorher einfach nicht.

ZEIT online: Trug die Debatte über die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt und die Begnadigung von Christian Klar im letzten Jahr dazu bei, dass Sie sich geäußert haben?

Emcke:
Ja. Es war vor allem die Art und Weise, wie darüber gesprochen und geschrieben wurde, mit welcher Aufgeregtheit und welcher Verachtung. Es schien, als sei die Zeit stehen geblieben. Als seien diese Menschen nicht bestraft worden, als wären sie noch immer eine Bedrohung für unser Gemeinwesen. Die öffentliche Debatte klang ebenso hysterisch und hasserfüllt wie in den siebziger Jahren.
Ich kann nicht für die anderen sprechen, nur für mich. Und für mich kann ich sagen, dass mir die Aufklärung wichtiger ist als ein Anspruch auf Strafe. Ich habe kein Interesse an Reue, ich möchte die bis heute unbekannten Täter nicht unbedingt im Gefängnis sehen, aber ich möchte, dass sie sprechen, dass sie mir ihre Geschichte erzählen. Weil es auch meine ist.

ZEIT online: Was war das Schwierigste für Sie während des Schreibens?

Emcke: Dass man immer im Kopf hat, wie über die RAF "geschrieben werden darf". Man zensiert sich ständig selbst. Es gibt immer noch diese polarisierende Debatte über die RAF, immer noch diese scharfen Fronten. Ich habe im Prozess des Schreibens mit Freunden und Bekannten über die RAF gesprochen, und musste feststellen, wie persönlich betroffen die meisten noch reagieren. Man rührt an das biografische Selbstverständnis vieler Individuen und an das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft mit dem Schreiben über die RAF.

Es war anstrengend, sich diesen Fragen anzunähern. Immer diktiert die Angst, missverstanden zu werden, immer untergräbt die Scheu vor Applaus von "der falschen Seite" oder Angriffe von "der richtigen Seite" das Schreiben.

Am Ende ist es dann neben dem Erzählen meiner persönlichen Geschichte, neben dem Nachdenken über den rechten Umgang mit der RAF, auch ein Text über das Schreiben selbst geworden. Wie schreibt man über die RAF? Wie lässt sich eine Geschichte erzählen, die um das Schweigen kreist? Wie lässt sich die eigene subjektive Perspektive überschreiten? Das sind die Fragen, die zunehmend wichtig wurden. Deswegen ist der Text so zögernd, fragend, hadernd.

ZEIT online : Ihre Forderung als Betroffene ist, dass die Täter sprechen sollen. Im Gegenzug sollen sie Straffreiheit erhalten. Geht diese Forderung nicht sehr weit – auch im Hinblick auf die anderen Opfer?

Emcke: Nun, das ist ja nicht an mir zu entscheiden. Das kann nur Ergebnis einer langen gesellschaftlichen Debatte sein. Aber natürlich haben Sie recht: Jeder und jede Betroffene findet eine andere Form, mit dieser Geschichte umzugehen. Es wird Angehörige geben, denen ist dieses Nachdenken über die Aufklärung nah, andere wird es verstören. Das ist normal. Wir sind Individuen, und keine kollektive Masse. Es gibt gewiss Angehörige, für die Strafe wichtiger ist als ein Versuch der Versöhnung. Und es gibt andere wie die Brüder von Braunmühl. Sie haben sich vor einiger Zeit schon ebenfalls sehr um einen Dialog mit der RAF bemüht. Allerdings vergeblich.

ZEIT online: Glauben Sie, dass es Ihnen anders gehen wird?

Emcke: Es geht bei diesem Buch gar nicht nur um die Frage, ob meine Überlegungen angenommen werden. Wir verändern die Realität nicht, wenn wir uns nur fragen, ob es realistisch ist, was wir uns wünschen. Wir können nicht nur danach fragen, was wahrscheinlich ist, sondern was wir für richtig halten. Wir müssen das, was wir moralisch und politisch für richtig halten, auch fordern und ermöglichen, sonst verkümmern wir. Es ist nicht verwerflich zu scheitern mit der Aufforderung zum Dialog, aber es nie versucht zu haben.

Natürlich glaube ich auch nicht, dass die Täter von sich aus sprechen werden, nur weil ich sie darum bitte. Wir als Gesellschaft müssen die Bedingungen dafür schaffen, dass sie es können. Bisher droht ihnen in diesem Fall eine neue Anklage. Wir müssen einen Rahmen herstellen, damit sie sprechen können. Das ist eine gesellschaftliche, eine politisch-juristische Aufgabe.

ZEIT online: Kurz nach dem Anschlag schworen Sie sich, den Mördern auf keinen Fall den Triumph zu gönnen, Sie, die linke, intellektuelle Philosophie-Studentin, zu einer anderen Person zu machen. Ist Ihnen das geglückt?

Emcke: (lacht) Na, … das müssen natürlich andere beurteilen als ich. Aber selbstverständlich zeichnet einen solch ein Gewaltakt fürs ganze Leben. Meine große Sorge aber war: Schaffen die Mörder es, mich politisch zu verändern? Werde ich durch diesen Anschlag so verbittert, dass ich meine emotionale oder politische Offenheit verliere? Das, so hoffe ich, ist ihnen nicht gelungen.

Ich habe in Philosophie meine Magisterarbeit geschrieben über das Recht auf Widerstand – und es verteidigt. Ich nehme an, das gehört nicht in das Profil, das sich die Täter von jemandem auf der Angehörigen-Seite machen.

ZEIT online: Können Sie die Beweggründe der RAF in gewisser Art sogar nachvollziehen?

Emcke:
Für den Mord an Alfred Herrhausen? Nein. Für die anderen politischen Morde in der Bundesrepublik? Nein. Ganz und gar nicht. Aber das subjektive Empfinden von politischer Not und moralischem Druck, das die Nachkriegs-Generation bedrängte, kann ich nachvollziehen. Für mich ist und bleibt der wichtigste Bezugspunkt meiner moralischen und politischen Orientierung die Shoah. Alles, mein Selbstverständnis als junge Europäerin, als Autorin, als Individuum richtet sich an dieser ethischen und gesellschaftlichen Katastrophe aus.