Jeder achte Bundesbürger ist von Armut bedroht. Für 13 Prozent der Deutschen besteht darüber hinaus ein erhöhtes Armutsrisiko - und es wären sogar 26 Prozent, also jeder Vierte, wenn es Sozialtransfers wie das Arbeitslosengeld II, das Wohn- und das Kindergeld nicht gäbe.

Das sind die Kernaussagen des neuen Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung (pdf) , den Sozialminister Olaf Scholz (SPD) an diesem Montag in Berlin vorstellte.

Kaum waren die Zahlen (vom Minister selbst vorab in der Bild am Sonntag verbreitet) bekannt geworden, hoben im politischen Berlin die Stimmen an, die schnelle Konsequenzen forderten :  je nach Weltanschauung und politischem Kalkül mal Steuererleichterungen für den Mittelstand, mal Mindestlöhne, eine neue Reichensteuer oder höhere Hartz-IV-Sätze. Neu klang das alles nicht - das übliche Konzert eben.

Neu ist auch nicht, was im Bericht selbst zu lesen ist. Dass rund 10,7 Millionen Deutsche von Armut bedroht sind, darunter 1,7 Millionen Kinder unter 16 Jahren, hatte das Statistische Bundesamt schon 2006 in der Studie "Leben in Europa" ermittelt. Auch damals war der politische und gesellschaftliche Aufschrei gewaltig.

Nun ist es immer schwierig zu sagen, was eigentlich "arm sein" bedeutet. Der neue Bericht orientiert sich, wie auch die Erhebung des Statistikamts, an einer EU-Definition. Danach gilt als von Armut bedroht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im jeweiligen Land verdient. In Deutschland liegt diese Grenze bei 781 Euro netto. Als reich gilt jeder, der als Alleinlebender über mehr als 3418 Euro monatlich verfügt.

Jeweils wird nur das Einkommen betrachtet, nicht jedoch das Geld, das auch durch Vermögensbesitz hinzukommt. Deshalb auch der Zusatz "bedroht". Denn theoretisch kann eine Arztwitwe zwar eine minimale Rente beziehen, aber aus den geerbten Eigentumswohnungen des Gatten dennoch ein stattliches Auskommen beziehen.

Was aber lässt sich nun aus dem Scholz-Bericht ablesen? Zunächst: Die Einkommensverteilung in Deutschland wird ungleicher. Reiche verdienen mehr, die mittleren Einkommen stagnieren, Niedriglöhner verdienen im Schnitt etwas weniger. Die soziale Kluft weitet sich also.