Möglicherweise liegt die Zahl der Todesopfer noch weit höher. Mehr als 20.000 Menschen sind noch verschüttet. Mit jedem weiteren Tag unter den Trümmern sinken ihre Chancen, zu überleben. Rund 100.000 Soldaten sind im Einsatz, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen. Regierungschef Wen Jiabao entsandte mehrere Hundert Hubschrauber. Über den schwer zugänglichen Orten im Erdbebengebiet der Provinz Sichuan sprangen Fallschirmspringer ab. Tonnenweise wurden Hilfsgüter abgeworfen.

Rund 65.000 Menschen wurden durch das Beben verletzt, davon mehr als 10.000 schwer, wie chinesische Medien berichteten. Den Überlebenden mangelt es an Trinkwasser, Nahrung, Medikamenten und Zelten. Einige zehntausend Obdachlose verbrachten die dritte Nacht nach dem Beben unter Planen und notdürftig gezimmerten Unterständen im Freien.

Die Zeit drängt. Vor einer «ernsten Gefahr» durch beschädigte Staudämme warnte der Minister für Wasserressourcen, Chen Lei. Viele der Wasserreservoirs in Sichuan wiesen «erhebliche Schäden» durch das Erdbeben auf. Diese seien bislang unbekannt gewesen. «Dammbrüche können zu massenhaft Opfern führen, wenn die Inspektionen und die Rettungsarbeiten nicht rechtzeitig erfolgen», warnte auch sein Vizeminister laut China Daily . Im Landkreis Maoxian waren zwei Staudämme so «schwer beschädigt», dass Evakuierungen angeordnet wurden.

Oberhalb der Stadt Beichuan, wo noch Tausende Verschüttete unter Trümmern liegen, wurde der Jianjiang-Fluss durch einen großen Erdrutsch blockiert. Das Wasser staute sich an der Barriere aus Geröll und Felsen zu einem See, so dass eine Flutwelle befürchtet wird. «Wenn die Blockade im Fluss bricht, wird eine Flutwelle die Stadt überschwemmen», warnte ein Experte in chinesischen Medien. «Die Verschütteten würden alle umkommen.» Das Seismologische Amt in Sichuan berichtete, Experten seien zu der Stelle gefahren, um die Bedrohung einschätzen zu können. Die Bergungsarbeiten in der Stadt wurden am Donnerstag trotz aller Gefahren fortgesetzt.

Bei der groß angelegten Hilfsaktion greift China auch auf internationale Helfer zurück: Peking erlaubte einem japanischen Rettungsteam, nach Sichuan zu reisen. Auch wurde das Angebot Taiwans, Bergungsspezialisten zu schicken, angenommen. Zwei russische Frachtflugzeuge brachten bereits tonnenweise Hilfsgüter in die Provinzhauptstadt Chengdu.

Durch das Erdbeben kamen auch rund 50 chinesische Touristen ums Leben. Mehr als 3000 Reisende, darunter rund 700 ausländische Besucher, wurden aus den zwei beliebten Tourismusregionen Jiuzhaigou und Wolong in Sicherheit gebracht. Das Militär flog 33 Touristen aus Großbritannien, den USA und Frankreich mit einem Hubschrauber vom Panda-Reservat nach Chengdu. Das Naturreservat lag nur 30 Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens der Stärke 7,8 am Montag entfernt. Auch alle 86 Riesenpandas in Wolong haben die Erdstöße unbeschadet überstanden.

Angesichts der vielen Verschütteten wiesen Experten darauf hin, dass der Mensch nach einer medizinischen Faustregel in der Regel nur drei Tage ohne Wasser auskommen kann. Unter Stein- und Schuttmassen begraben könne die Angst den Stoffwechsel ankurbeln und die körpereigenen Reserven noch schneller aufbrauchen. Noch gefährlicher ist die Situation für Kinder. In den Trümmern von mindestens neun Schulen waren Hunderte Schüler begraben worden. In der Vergangenheit konnten allerdings mitunter Verschüttete noch nach einer Woche und später lebend geborgen werden.