ZEIT online: Herr Gyaltsen, vergangene Woche waren Sie in China, um die Vertreter der chinesischen Regierung zu Vorgesprächen zu treffen. Peking war aber erst nach massiven weltweiten Protesten bereit, sich mit den Gesandten seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zu treffen. Wie war Ihr Eindruck: Wollen die Chinesen wirklich verhandeln oder handelt es sich nur um einen PR-Trick, um die Gemüter kurz vor der Olympiade zu beschwichtigen?

Kelsang Gyaltsen: Unsere Position ist, dass es keine Alternative zu Gesprächen gibt, deswegen nehmen wir jede Gelegenheit wahr. Das ist eine Möglichkeit, die andere Seite zu überzeugen, dass es das Beste ist, wenn wir zu einer einvernehmlichen Lösung kommen. Im Moment ist die Situation in Tibet sehr angespannt, daher sind Gespräche jetzt besonders wichtig. Mein Eindruck ist, das Gespräch hätte viel schlechter laufen können angesichts der schwierigen Lage. Natürlich hatten beide Seiten viel zu kritisieren, trotzdem war die Atmosphäre freundlich.

ZEIT online: Sehen Sie denn Spielraum auf der chinesischen Seite? Ist man bereit Ihren Forderungen entgegenzukommen?

Gyaltsen: Wir sind der Ansicht, dass unser Vorschlag den Interessen der Volksrepublik China sehr weit entgegenkommt. Die erste Priorität Chinas ist die Einheit und Stabilität des Landes. Wir streben aber nicht nach Unabhängigkeit, sondern nur nach echter Autonomie. Die steht den Minderheiten laut der chinesischen Verfassung zu. Wir fordern nur, dass das, was in der Verfassung und im Weißbuch der regionalen Autonomie in Tibet steht, auch in die Tat umgesetzt wird.

ZEIT online: Was wäre das?

Gyaltsen: Es gibt in China viele Rechte für Minderheiten, das Problem ist nur, dass sie nicht zur Anwendung kommen. Nehmen Sie die Religionsfreiheit. China hat sogar die Reinkarnation des Panchen Lama ( einer der wichtigsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus, Anm. der Redaktion ) bestimmt und im vergangenen Jahr ein Gesetz erlassen, das dem Staat künftig Entscheidungsgewalt bei allen wichtigen Reinkarnationen einräumt. Und dann sprechen sie von Religionsfreiheit. Natürlich gibt es in Tibet Klöster, aber die Frage ist doch, ob dort wirklich ernsthaft der Glaube praktiziert und weitergegeben werden kann, oder ob es sich dabei nur um eine Hülle handelt, damit die Kommunistische Partei zeigen kann, dass es Religion in Tibet gibt.