Aus Kritik an dem wirtschaftsfreundlichen Kurs der Regierung unter Präsident Lula da Silva ist am Dienstag die brasilianische Umweltministerin Marina Silva zurückgetreten. Sie sei bei ihrer Arbeit "auf zunehmenden Widerstand bei wichtigen Sektoren der Regierung und der Gesellschaft gestoßen", schrieb sie in ihrem Rücktrittsschreiben. Nachfolger wird der umstrittene Ex-Untergrundkämpfer Carlos Minc, der bislang Umweltsekretär des Bundesstaates Rio de Janeiro war.

Der Zeitpunkt des Rücktritts bringt vor allem Präsident Lula in Bedrängnis, der "entzürnt" gewesen sein soll: Zurzeit besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das südamerikanische Land und will vor allem über den umweltgerechten Anbau von Energiepflanzen und den Schutz des Regenwaldes reden. Medienberichten zufolge bezeichnete Merkel den Rücktritt Silvas, die unter Umweltschützern großes Ansehen genießt, als ein "Warnzeichen". Für den Südamerika-Vizechef des Umweltverbandes Conservation International, José Cardoso da Silva, ist der Rücktritt ein Desaster für die Regierung. "Wenn sie auf internationaler Ebene Glaubwürdigkeit genoss, dann wegen der Umweltministerin."

Silva hätte außerdem Brasilien auf der Artenschutzkonferenz der Vereinten Nationen vertreten sollen, die kommende Woche in Deutschland beginnt. Dem Land, das die Konferenzpräsidentschaft an Deutschland übergibt, kommt wegen seiner riesigen Urwaldgebiete eine Schlüsselrolle zu.

Die 50-jährige Silva war nicht mehr bereit, für Präsident Lula das "ökologische Feigenblatt" zu spielen, wie sie sagte. Anfang des Jahres hatte sie die immer schneller voranschreitende Zerstörung des Regenwalds beklagt. Riesige Flächen werden dort abgerodet, um neues Land für Sojaplantagen und Viehzucht zu bekommen. Nach Angaben von Greenpeace zählt Brasilien zu den vier größten Kohlendioxid-Emittenten der Welt. Rund 70 Prozent der brasilianischen Treibhausgase stammten allein aus der Urwaldzerstörung.

Zwischen Präsident Lula und seiner Umweltministerin war es in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten gekommen. Silva, die selbst im Urwald aufgewachsen ist und erst mit 14 Jahren Schreiben und Lesen lernte, setzte sich für eine nachhaltige Forstwirtschaft ein. Während ihrer fünfjährigen Amtszeit legte sie sich auch mit Großgrundbesitzern und dem Landwirtschaftsministerium an, die auf den Einsatz von gentechnisch verändertem Soja drängen. Außerdem war sie die einzige Ministerin in Lulas Regierung, die sich gegen den Bau neuer Atomkraftwerke ausgesprochen hat. Für den britischen Guardian ist sie "eine der 50 Menschen, die dabei helfen können, den Planeten zu retten".

Präsident Lula will dagegen das Land vor allem wirtschaftlich voranbringen. Dabei setzt er auf den Anbau von Energiepflanzen wie Zuckerrohr, aus denen sich Biosprit herstellen lässt. Schon heute ist Brasilien - nach den USA - der zweitgrößte Biosprit- Produzent der Welt.