Bis wir lesen können, Analphabeten! – Seite 1

Cesar Vallejo ist einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Cesar wer ? mögen manche fragen. Der Lyriker aus Peru fand leider in Deutschland bisher kaum Gehör, anders als Octavio Paz (Mexiko), Pablo Neruda (Chile) oder Vallejos prosaische Landsmänner José María Arguedas und Mario Vargas Llosa.

Vallejo gilt als Neuerer der modernen spanischsprachigen Poesie. Er brach mit den Normen der Dichtkunst, war seinen Zeitgenossen immer einen Schritt voraus, kurz: Cesar Vallejo war lyrischer Avantgarde-Import aus Übersee. Er lebte in Paris und starb auch dort im April 1938.

Beginnen wir also in Frankreichs Hauptstadt, wo er seit Anfang der zwanziger Jahre arbeitete, als halbverhungerter Journalist. Er gab ein trauriges Bild ab, ständig kämpfte er ums Überleben. Sein Ende nahm er in einem Gedicht vorweg:

Ich werde sterben in Paris, mit Wolkenbrüchen,
schon heut erinnere ich mich jenes Tages.
Ich werde sterben in Paris, warum auch nicht,
an einem Donnerstag vielleicht, wie heut, im Herbst.

(Aus: Schwarzer Stein auf weißer Stein )

Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil seiner Arbeiten in Paris entstand, erscheint es umso merkwürdiger, dass Vallejo im benachbarten Deutschland weitgehend unbekannt geblieben ist. Leichtfertig könnte man sagen: Gut, der Mann kam aus Peru, der hat es in Europa einfach nicht gebracht. Aber man täte ihm unrecht. Denn in Frankreich, Italien, England, sogar in den USA wird er längst als der gehandelt, der er war: ein großer Lyriker, der Bedeutendes für die spanischsprachige Lyrik geleistet hat.

Seine Gedichte beeindrucken durch Einfallsreichtum und überraschende Bilder. Stets schwingt eine Melancholie mit, die sich dem Leser leise in die Brust spielt, selbst wenn der Verstand nicht mehr ganz folgen kann.

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Der Peruaner experimentierte, er suchte die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten, wollte sich nicht von lyrischen Regeln einschränken lassen. Er kreierte Worte, löste in seinen Gedichten die gültige Einheit von Form und Inhalt auf. Wo schon Muttersprachler Verständnisschwierigkeiten hatten, standen Übersetzer vor einer großen Aufgabe.

Was liegt mir an den Gewehren, hör,
hör zu, was liegt mir an ihnen,
wenn die Kugel schon auf der Höhe meiner Unterschrift kreist?
Was gehen dich die Kugeln an,
wenn der Bauch des Gewehrs schon nach dir riecht?
Noch heute wollen wir
einen Blinden unsern Stern wiegen lassen, und
wenn du anfängst mir vorzusingen, wollen wir weinen.
Heute noch, meine Schöne, im gleichen Schritt
und mit deinem Vertrauen, bis zu dem meine Angst reicht,
wollen wir fort aus uns, zu zweit wir zwei,
bis wir blind sind,
bis
wir weinen vor soviel Rückkehr!

(Aus: Jetzt unter uns hier )

Nicht nur Vallejos extravagante Sprache, auch „der Versuch, Europa und Peru, die Küste und die Anden, Avantgarde und Tradition in Einklang zu bringen, all dies führt zu einer Bildersprache, die peruanischen Lesern eher zugänglich ist als europäischen“, erklärt der Lateinamerikahistoriker Peter Knost. Und dass Vallejo längst tot war, als der große lateinamerikanische Literatur-Boom in den fünfziger Jahren über Europa kam, könnte außerdem erklären, warum andere Schriftsteller, wie Gabriela Mistral (Chile), Miguel Ángel Asturias (Guatemala) und Gabriel García Márquez (Kolumbien), den Sprung geschafft haben und er nicht.

Dies sollte den Leser aber nicht davon abhalten, sich Vallejos 1918 in Peru erschienenes Erstlingswerk, den Gedichtband Los heraldos negros (Die schwarzen Boten), aufzuschlagen, zum Beispiel Seite 9, Heilige Entblätterung . Es wird ihn tief berührt hinterlassen.

Anschließend könnte man sich seinem wohl wichtigsten Band Trilce (1922) widmen. Die meisten Gedichte dafür entstanden im peruanischen Gefängnis, wo Vallejo wegen Beteiligung an politischen Unruhen einsaß. Schon in seinem Frühwerk brach Vallejo radikal mit der klassischen Poesie, spielte mit der Sprache und präsentierte sich als mutiger Wortakrobat.

Der kubanische Schriftsteller Nicolás Guillén verehrte ihn sehr. In seiner Erinnerung war Vallejo ein „stiller, hagerer, groß gewachsener Mann, mit indianischen Gesichtszügen und dunkler, glatter Haut (...) Sein Tod schmerzte mich sehr. Ich bin ein großer Bewunderer seiner dramatischen Gedichte. Ich habe großen Respekt für sein trauriges, aufrichtiges, uneigennütziges Leben in Hunger und Rebellion. Ich glaube an ihn und halte ihn für einen der größten Dichter unserer Sprache.“ (Aus: Poesía Completa, Mexiko 1979)

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Von seiner Heimat geprägt, kämpfte Vallejo auch in Europa für seine kommunistische Vorstellung von Gerechtigkeit. Mit Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 engagierte er sich energisch für die republikanische Seite und die spanische Bevölkerung. Solidarität mit den Leidenden prägte seine Lyrik:

Es gibt im Leben so schwere Schläge ... ich kanns nicht verstehn.
Schläge wie Gottes Zorn. Als ob vor ihnen alles,
das Treibgut jedes Leids,
in den Brunnen der Seele schwemmte ...! Ich kanns nicht verstehn.


Es kommt selten. Aber es kommt ... sie öffnen tiefe Gräben
im stolzesten Gesicht und auf dem stärksten Rücken.

Seine Worte, sagte Vallejo, kämen aus dem Volk, aber vor allem seien sie an das Volk gerichtet.
Und es stimmt. Selbst wenn seine außergewöhnlichen Bilder und Wortkompositionen nicht immer durchschaubar sind, bleiben seine Gedichte auf eine gewisse Art verständlich, und sei es auf emotionaler Ebene:

Jetzt, unter uns, hier,
komm mit mir, nimm deinen Körper bei der Hand,
wir wollen zusammen nachtessen gehen und einen Augenblick Leben
als Leben zu zweit verbringen, und auch unser Tod soll sein Teil davon haben.
Jetzt, komm mit dir, tu mir den Gefallen und bleibe,
in meinem Namen und im Lichte der Nebelnacht,
in der du deine Seele bei der Hand nimmst
und wir auf Fußspitzen vor uns fliehen.

Komm zu mir, ja sicher! Und zu dir, ja sicher!
Im Gleichschritt, damit wir zwei im ungleichen Schritt
den Abschiedsschritt uns vorführen sehn.
Bis zum nächsten Mal! Bis wir wiederkommen!
Bis wir lesen können, Analphabeten!
Bis zum nächsten Mal. Jetzt müssen wir gehn.

(Aus: "Jetzt unter uns hier")


Literaturhinweise:

Schwarzer Stein auf weißer Stein
. Aus: Cesar Vallejo. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übertragung und Nachwort von Hans Magnus Enzensberger, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1963.

Jetzt unter uns hier . Aus: Cesar Vallejo. Rose aus Asche. Herausgegeben und übersetzt von Erwin Walter Palm, R. Piper & Co. Verlag, München 1955.

Es gibt im Leben so schwere Schläge . ebd.

Die schwarzen Boten. Los heraldos negros; Trilce ; Spanien, nimm diesen Kelch von mir. España, aparta de mí este cáliz und Menschliche Gedichte. Poemas humanos sind erschienen in:
Cesar Vallejo. Gedichte. Spanisch/deutsch. Übersetzt von Curt Meyer-Clason, hrsg. mit Anmerkungen und einem Nachwort von Alberto Perez-Amador. Rimbaud Verlag, Aachen 1998.