Das Internet-Protokoll IP ist eine der Grundlagen des Internets. Mit Hilfe dieses Protokolls wird jedem Rechner im Internet eine eindeutige Nummer zugeteilt. Nur mittels dieser Nummern können Computer, Server und zunehmend auch mobile Geräte kommunizieren. Doch die Nummern werden langsam knapp . Die jetzige - vierte Version - des Internet-Protokolls ist seit Anfang der achtziger Jahre im Einsatz. Inzwischen sind 85 Prozent der insgesamt verfügbaren fast 4,3 Milliarden IP-Adressen vergeben. In zwei bis drei Jahren, so schätzen Experten, ist der komplette Adressraum belegt. Doch Zugangs-Provider wie T-Online und Diensteanbieter scheint das noch wenig zu kümmern. Jetzt wird die EU aktiv. Die Europäische Kommission will in dieser Woche ein Aktionsprogramm verabschieden, um den schnellen Umstieg auf die neue Technik zu fördern.

Viviane Reding , EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, beschreibt das Problem praktisch: "Wir bewegen uns in eine Sackgasse. Das IPv4 basierte Internet wird zum Korsett, das uns die Luft abschnürt." Zwar ist nicht zu befürchten, dass die Internet-Verbindungen in drei Jahren zusammenbrechen werden. Ein weiteres Wachstum des weltumspannenden Netzes wäre aber unmöglich.

Die Lösung heißt IPv6 , die sechste Version des IP-Protokolls (IPv5 war ein experimentelles Protokoll, das 1979 entworfen wurde. Es spielte keine praktische Rolle). Doch auch IPv6 ist eigentlich schon ein alter Hut: Bereits vor zehn Jahren wurden die technischen Spezifikationen für das Netz veröffentlicht. Das neue Protokoll umfasste Neuerungen wie die Echtzeitübertragung von Multimedia-Daten oder integrierte Verschlüsselung. Doch was in der Theorie gut aussah, wurde in der Praxis nur sehr schleppend umgesetzt. Zu groß erschien der Aufwand, das neue Protokoll einzuführen.

Die Europäische Kommission will nun mit einem eigenen Aktionsprogramm den Umstieg auf die neue Technik fördern. Über das Beschaffungswesen der Mitgliedsstaaten soll eine relevante Nachfrage nach IPv6-fähigen Produkten geschaffen werden. Gleichzeitig soll das Internet-Angebot der EU auch per IPv6 ausgeliefert werden, um so Vorbild für andere Inhalte-Anbieter zu sein. Doch Kommissarin Reding gibt sich bescheiden. Bis 2010 werde sich der neue Standard nicht in der Breite durchsetzen, nicht mal ein unproblematisches Nebeneinander alter und neuer Technik sei zu erwarten. Vorsichtig erklärt sie: "Bis 2010 sollten wir eine positive Marktdynamik in Gang gesetzt haben."

Ihre Zurückhaltung hat Gründe. Um die neue Generation von IP-Adressen einzuführen, muss jeder Rechner, jeder Server und jeder Router im Internet umprogrammiert werden. Zwar sind Betriebssysteme wie Windows Vista, MacOS X und Linux heute im Prinzip fähig, mit dem neuen Protokoll umzugehen. Doch es hapert an der Infrastruktur. Viele Provider haben ihre Netze noch nicht für die neue Technik aufgerüstet. Auch die beliebten "Fritzboxen", die in vielen Haushalten die Verbindung mit dem Internet herstellen, sprechen bisher noch nicht die neue "IP-Sprache".

Die Fachleute wirken resigniert. "Es gibt derzeit keinen Markt für IPv6", erklärt Frank P. Orlowski, Manager beim größten deutschen Internet-Knotenpunkt DE-CIX . Allenfalls in Forschung und Militär wird die Zukunftstechnik schon heute eingesetzt. Das Problem: Die beiden Versionen des IP-Protokolls sind nicht miteinander kompatibel. So kommt es zum Henne-Ei-Problem: Die Inhalte-Anbieter wollen nicht in die Technik investieren, weil bisher kaum ein Kunde überhaupt die Möglichkeit hat, auf den neuen Standard zuzugreifen. Die Zugangs-Provider hingegen sehen keinen Grund, das Protokoll schnell einzuführen, weil es noch kaum Inhalte gibt, auf die man über die neue Technik zugreifen kann.