Die Entscheidung kam überraschend: SPD-Fraktionschef Volker Struck und sein Unions-Kollege Volker Kauder entschlossen sich am Dienstag bei einem kurzfristig anberaumten Treffen, die geplante Anhebung der Abgeordnetenbezüge auszusetzen. Noch einen Tag zuvor hatte es dagegen aus beiden Koalitionsfraktionen geheißen, es sehe so aus, als sei eine Mehrheit dafür nicht in Gefahr, auch wenn es bei der Abstimmung im Bundestag zahlreiche Gegenstimmen vor allem aus der SPD geben werde.

Nun haben die Fraktionsspitzen also die Notbremse gezogen. Zwei Beweggründe dürften dabei ausschlaggebend gewesen sein: Zum einen wären zu den Gegnern der Diätenerhöhung und zahlreichen wankelmütigen Abgeordneten wohl noch etliche hinzugekommen, wenn die Debatte noch einige Tage und Wochen weitergeschwelt hätte. Schon in den vergangenen Tagen hatten sich angesichts des öffentlichen Drucks beinahe stündlich neue Kritiker zu Wort gemeldet.

Zum anderen, bekennen die Fraktionsführungen, habe man eingesehen, dass bei der derzeitigen Stimmung im Land eine kräftige Erhöhung der Abgeordnetengehälter, die zweite innerhalb von sechs Monaten, "nicht vermittelbar" gewesen sei.

Tatsächlich hätten Union und SPD wohl kaum einen schlechteren Zeitpunkt finden können. Gerade erst haben die Zahlen des jüngsten Armutsberichts das Land schockiert. Jeder Achte in Deutschland ist demnach von Armut bedroht, der Mittelstand schrumpft. Dafür wächst die Zahl der sogenannten "working poor", der arbeitenden Armen. Und nur kurz zuvor hatte die Erhöhung der Renten um 1,1 Prozent die Gemüter erhitzt – ein Zuwachs, den viele Rentner eher als Verhöhnung denn als Wohltat empfinden. Da nahm es sich schon etwas merkwürdig aus, gleichzeitig die eigenen Bezüge bis 2010 um beinahe 15 Prozent steigen zu lassen.

Dass die rituelle Empörung, die jede Diätenerhöhung begleitet, diesmal aber über das übliche Maß hinausging, lag wohl vor allem an einem weiteren unglücklichen Timing. Erst im November nämlich hatten die Abgeordneten einen ungewohnt deutlichen Anstieg ihrer Bezüge in zwei Stufen beschlossen, um sie an die Einkommen von Richtern anzukoppeln, wie es das Bundesverfassungsgericht ihnen empfohlen hatte. Dann allerdings folgte die Tariferhöhung im öffentlichen Dienst. Und somit wurde plötzlich über zwei weitere Anhebungen diskutiert – nur wenige Monate nachdem die erste umgesetzt war.

Das sei zu viel, so die weit verbreitete Meinung im Land, die die kleinen Oppositionsparteien ebenso einte wie den Großteil sowohl der Boulevard- als auch der seriösen Medien.

Mit ihrer jetzigen Entscheidung darf die Große Koalition also hoffen, endlich einmal das Lob der breiten Masse einzuheimsen. Manch ein Volksvertreter wird sich vielleicht ärgern, doch viele werden erleichtert aufatmen. Sie leiden ohnehin unter dem schlechten Image, das Berufspolitiker in Deutschland – zumeist zu Unrecht – haben. Wenn sie sich nun demnächst in ihren Wahlkreisen wieder auf die Straße stellen, können sie wenigstens in dieser Hinsicht selbstbewusst den Kopf heben. Sie haben echte Bescheidenheit geübt. Denn schließlich haben sie auf etwas verzichtet, was ihnen rechtlich gesehen zugestanden hätte.