Für Lothar Bisky ist die Sache klar, „ein Signal der Einmischung“ will der Vorsitzende der Linken aussenden. Selbstbewusst haben sich rund 562 Delegierte an diesem Wochenende in der Cottbusser Messehalle versammelt, die Neuwahl des Parteivorstandes steht auf der Tagesordnung, die Verabschiedung eines Leitantrages und der Start einer Rentenkampagne.

Es ist der erste Parteitag nach dem Zusammenschluss von PDS und Wasg, ein Premiere. „Widerstehen. Sagen, was ist. Die Politik verändern“, steht in großen weißen Lettern auf rotem Grund an der Wand hinter dem Redepult. Die Linken feiern sich, für ihre Wahlerfolge im Westen, für ihren Einfluss auf die Politik der Großen Koalition, für die Rückkehr der sozialen Frage. „Der neoliberale Durchmarsch ist gestoppt“, verkündet Lothar Bisky. „Wir haben die Segel richtig gesetzt“, erklärt der andere Parteichef Oskar Lafontaine unter dem tosenden Beifall der Delegierten gleich zum Auftakt des Parteitages, „wir haben den Wind der Geschichte in unseren Segeln, das macht unseren Erfolg aus“.

Dabei hätte nicht viel gefehlt, dann wäre der Parteitag der Linken beendet gewesen, bevor er so richtig begonnen hatte. Denn kaum hatten sich die Genossen in der Cottbuser Messehalle konstituiert, da mussten sie sich schon mit einem Antrag auseinandersetzen, aus dem das ganze Unbehagen und Misstrauen sprach, das viele Parteimitglieder ganz grundsätzlich umtreibt. Sie leiden an der digitalen Welt, dem technischen Fortschritt und der modernen Gesellschaft überhaupt. Aber gleichzeitig spricht aus diesem Antrag auch großes Misstrauen gegen die gesamte Parteiführung.

Es geht um eine Marginalie, um ein technisches Detail, das den Ablauf des Parteitages beschleunigen soll, aber manchmal sind es diese Randfragen, die viel über eine Partei und die Befindlichkeit ihrer Mitglieder aussagen. Die Parteiführung will den Vorstand in einem elektronischen Verfahren mit einem so genannten TED-System wählen lasen, sie will dadurch Zeitsparen, schließlich würde es angesichts des komplizierten Wahlverfahrens viele Stunden dauern, bis bei schriftlichen Abstimmungen der Vorstand gewählt ist. Ein normaler Parteitag wäre nicht mehr möglich. Doch es regt sich Widerstand. Fast eine Stunde diskutieren die Delegierten über mögliche Manipulationen und die Gefahr von Fälschungen. Weder der Bundesgeschäftsführer noch ein Vertreter des Systementwicklers können die Kritiker besänftigen, das Misstrauen zerstreuen. Am Ende wird abgestimmt, es geht äußerst knapp zu und es fehlen nur zwölf Stimmen, dann hätte der Parteitag einen völlig anderen Verlauf genommen. Das erste Signal also, das vom Cottbuser Parteitag der Linken ausgeht, ist ein ungeplantes.

Anschließend allerdings hat die Parteitagsregie die Delegierten im Griff. Zumindest am Samstag, dem ersten Tag des Parteitages, war dies der einzige Moment, bei dem dieser aus dem Ruder zu laufen drohte. Zwar diskutiert der Parteitag stundenlang den Leitantrag, die Delegierten streitet darüber, ob das Renteneintrittsalter statt 67 besser 65 oder 60 Jahre betragen soll; ob die Zeitarbeit zurückgedrängt oder verboten werden soll; ob die Nato aufgelöst werden soll oder ob Deutschland aus ihr austreten sollte.

Mit großem Engagement arbeiten sich die Delegierten durch das Antragsheft, zäh sind die Diskussionen. Es ist in der Regel ein Streit um die richtige linke Selbstgewissheit und die Höhe der sozialen Wohltaten. Die meisten grundsätzlichen Konfliktthemen allerdings wurden von der Parteitagsregie vertagt oder in Formelkompromisse verpackt. Auch wenn die Grundsatzdebatte zeigte, wie heterogen diese Partei ist, wie unterschiedlich die Positionen in dieser Partei beispielsweise in der Familienpolitik und der Finanzpolitik, in der System- oder der Eigentumsfrage oder bei der Haltung zur Regierungsbeteiligung sind. Später soll der Grundsatzstreit ausgetragen werden, am besten erst nach der Bundestagswahl 2009. Auch wenn manche Politiker in der Partei ahnen, das dies ein Fehler sein könnte. „Das holt uns alles wieder ein“, heißt es und je länger es dauere, bis die Partei diese Grundsatzfragen kläre, desto größer werde der Kraftakt, auf einen reformpolitischen Kurs zurückzukehren. Einen Kurs, der es ermöglichen würde, in den Bundesländern oder gar im Bund mit der SPD zusammenzuarbeiten.