Fräuleinwunder, so nennt sich ein Modegeschäft in der Wiener Innenstadt, das flotte Kleidchen verkauft, die irgendwo zwischen H&M und Nobelboutique angesiedelt sind. Dieser Laden wird im Nachspann der Talkshow von Natascha Kampusch trifft als Sponsor des neuen TV-Formats genannt, mit dem das 20-jährige Verbrechensopfer am Sonntagabend auf einem österreichischen Privatsender debütierte.

"Das Fräulein", heißt es in der PR-Prosa des Textilhändlers, "war und ist eine Frau, mit der man flirten kann, ohne gleich heiraten zu müssen, ein weibliches Wesen, das dem Mann auf Augenhöhe begegnet. Sie hat die emotionale Bereitschaft und Stärke, Höhen und Tiefen zu überstehen und unbeirrt von vorn anzufangen". Die Firma stehe "vor und hinter diesem Frauentypus", heißt es weiter.

Ob die Werbefritzen sich mit Kampuschs Talkshow die ideale Werbefläche für ihr Produkt ausgesucht haben? Das Wunder an der Fräuleingeschichte Kampusch besteht darin, dass der Versuch einer TV-Truppe, in der Oberliga mitzuspielen, ein vergleichsweise großes Echo erzeugt. Irgendwie wollen erwachsene Menschen diesen ekelhaften Tinnef tatsächlich ernst nehmen, um jeden Preis und sei’s um jenen der Selbstverleugnung.

Die Öffentlichkeit ist nicht bereit, ein Fräulein, das acht Jahre ihrer Kindheit und Pubertät in der Isolation eines Kellerverlieses verbrachte, ausschließlich als Patientin zu begreifen. Ihr künftiges Wohlbefinden hängt in hohem Maß davon ab, wie sehr sie in der Lage ist, mit sich und ihrem Privatleben ins Reine zu kommen. Jeder Laienpsychologe ahnt, dass dies ein höchst intimer und privater Prozess ist, bei dem Zuschauer nichts verloren haben. Wer hingafft, mit der billigen Ausrede, gucken werde man doch noch dürfen, lässt die vorgebliche Anteilnahme zu Voyeurismus werden. Der Voyeur ist jemand, der sich seiner emotionalen Defizite dadurch zu entledigen sucht, indem er an Fremden Anteil nimmt. Es ist eine Ersatzbefriedigung, die auf Kosten anderer erfolgt.

Ist das nicht etwas hoch gehängt? Keineswegs, die sogenannte Talkshow mit Natascha Kampusch ist nichts anderes als ein, simpel gesagt, grenzüberschreitender Sozialporno. Alle Elemente des pornografischen Geschäfts kommen hier zum Tragen: jemand, der seine Haut verkauft; die Ausbeutung eines beklagenswerten Schicksals; der Blick durch ein Schlüsselloch. Es ist eine Erfahrung, die den Voyeur erschauern lässt und zugleich fasziniert.

Gesprächspartner in Natascha Kampuschs erster Sendung war der ehemalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda. Ihm muss zugute gehalten werden, dass er sich leidlich ehrenhaft aus der Affäre zog. Niki Lauda gilt als einer, den man in Wien einen zynischen Hund nennt. Er ist ein Meister der Oberflächlichkeit, der keine Chance zum Persönlichkeitsmarketing ungenutzt verstreichen lässt. Er ist gewohnt, kühl seinen Vorteil zu berechnen. Berühmt ist sein Ausspruch geworden, dass nur der ein Autorennen gewinnen könne, der voll aufs Gas steigt, wenn vor ihm der Konkurrent in die Leitplanke rase und krepiere.