"Kindergarten-Einbruch", "Schwimmbad wieder geöffnet", "Neue Leiterin für Grundschule" – Nachrichten wie diese aus der Ulmer Südwest Presse füllen täglich die Lokalteile hunderter Tageszeitungen in Deutschland. Allerdings interessieren sich für die Neuigkeiten über den Kindergarten am Eselsberg oder die Grundschule in Söflingen vor allem die direkten Nachbarn, wer auf der anderen Seite der Stadt wohnt, dem sind sie meist ziemlich egal. Um ihren Lesern den Weg zu den Ereignissen in ihrer näheren Umgebung zu erleichtern, hat die Südwest Presse ihr Onlineportal testweise mit einer großen Karte ausgestattet, auf der die Artikel als orange Quadrate auftauchen – mit unterschiedlichen Symbolen für News, Kultur und Sport. Wer darauf klickt, bekommt eine kurze Vorschau zu sehen. "Ortsbasierte Nachrichten" heißt das Konzept.

Und das funktioniert nicht nur am Schreibtisch. Wer mit einem internetfähigen Handy in Ulm unterwegs ist, kann sich von allen Lokalnachrichten genau diejenigen anzeigen lassen, die von Ereignissen in der direkten Umgebung seines aktuellen Standorts handeln. Besonders interessant ist das beim Veranstaltungskalender. Wer sich gerade in der Nähe der Friedrichsau befindet, erfährt so, dass in einer halben Stunde gleich um die Ecke die Peckinpahs mit Garage-Swing auftreten.

Ortsbezogenen Dienstleistungen, im Internet-Neusprech gerne auch als location based services (LBS) bezeichnet, gelten schon seit dem Jahr 2000 als "Killer-Anwendung", mit der die Mobilfunkunternehmen ihre damals für 50 Milliarden Euro ersteigerten UMTS-Lizenzen zu Geld machen können. Selbst 2002, kurz nach dem Börsencrash der Internetbranche, sah das große britische Marktforschungsinstitut Ovum noch einen kurzfristig zu erschließenden 20-Milliarden-Markt. Allein in Deutschland sollten demnach schon 2006 über 900 Millionen Euro mit ortsbezogenen Online-Dienstleistungen umgesetzt werden.

Doch das war eine drastische Fehleinschätzung. Auf "etwas mehr null" schätzt Bernhard Kölmel das derzeitige LBS-Angebot. Der Software-Ingenieur ist Forschungsleiter der Karlsruher Yellowmap AG , die das ortsbasierte Nachrichtenportal für die Südwestpresse entwickelt und bereits vor fünf Jahren in einer Studie im Auftrag der EU-Kommission das Potenzial ortsbasierter Online-Dienste ausgelotet hat. Ein Hotelführer, der freie Zimmer samt Preisangaben und Fotos im näheren Umkreis auflistet, touristische Informationen über Sehenswürdigkeiten im Blickfeld der Handykamera oder die Anforderung von Zusatzinformationen und Testberichten zu den in Schaufenstern präsentierten Produkten waren einige der damaligen Ideen.

Noch hat keine von ihnen den Sprung in den Alltag geschafft. Doch in diesem Jahr, davon ist Kölmel überzeugt, werde sich das ändern. Drei Gründe nennt er dafür: Mit zunehmender Verbreitung von Flatrates entfällt die Unsicherheit über die Kosten der mobilen Internetnutzung. Die nötige Technik für eine exakte Ortung des Handys und ein breites Angebot an Stadtplänen und Landkarten mit eingearbeiteten points of interest sind inzwischen vorhanden. Und immer mehr Handys bieten ausreichend große Farbdisplays, schnellen Netzzugang und mit WPS oder GPS ein eingebautes Navigationssystem.

"Das iPhone hat den Durchbruch gebracht", meint Kölmel. Zwar konnte Apple mit seinem ersten Handy keine zwei Prozent Marktanteil erreichen, doch inzwischen haben auch die traditionellen Hersteller von Nokia bis HTC ähnlich elegante Flachmänner im Angebot, die sich mit einfachen Fingerbewegungen steuern lassen. Und Google hat ein Handy-Beriebssystem vorgestellt, dass Lagesensoren und Positionsinformationen nutzt, um einen dreidimensionalen Stadtplan auf das kleine Display zu zaubern. Je nach Blickrichtung zeigt es den passenden Kartenausschnitt.

"Bei LBS ist Google allen anderen Entwicklern weit voraus", sagt Umut Harmancioglu, Produktmanager bei O2. Und zwar so weit, dass es die Mobilfunknetzbetreiber aufgegeben haben, mit eigenen Angeboten zu konkurrieren. Stattdessen beglücken sie neue Handykunden mit einem bereits vorinstallierten Google-Maps-Programm.

Bernhard Kölmel sieht darin eher ein Armutszeugnis als eine gelungene Geschäftsstrategie. Häufig seien die hinterlegten Informationen in den Karten anderer Anbieter dem Google-Angebot überlegen. Und die hohe Gebühr von rund 50 Cent, die die Netzbetreiber bisher für die Weitergabe der Telefonnummer jedes lokalisierten Handys berechnen, verhindere ein breit gefächertes Angebot von LBS.

Dazu könnten nicht nur ortsbasierte Nachrichten, gelbe Seiten und Auskünfte, sondern auch sogenannte dynamische LBS gehören. Gemeint sind damit Dienste, die sich nicht auf einen einzigen geographischen Punkt beziehen, sondern auf die Bewegung zwischen verschiedenen Punkten. "Jemand hat in der Disco zu viel getrunken und sucht eine Mitfahrgelegenheit nach Hause", beschreibt Kölmel ein denkbares Szenario. Wer mit dem Auto in der Disco ist und sich am Eingang dafür registriert hat, würde dann die Suchmeldung als SMS aufs Handy bekommen. Ähnliche Modelle würden sich auch für Mitfahrzentralen oder Betriebs-Fahrgemeinschaften anbieten. Gegenüber einem schwarzen Brett ist die Vermittlung per Handy nicht nur flexibler, sondern hat auch noch einen zusätzlichen Sicherheitsaspekt: "Niemand muss bei einem anonymen Fahrer ins Auto steigen, die Identität der Handybesitzer ist über ihre Verträge ja bekannt."

Acht Jahre nach der milliardenschweren Vergabe der UMTS-Lizenzen sei das mobile Internet endgültig auf die Überholspur eingeschwenkt, betonte der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, bei der Vorstellung seines letzten Jahresberichts. "Mit 8,7 Millionen UMTS-fähigen Geräten ist der Knoten jetzt geplatzt." Ein Promille des gesamten deutschen Datenverkehrs läuft bereits über die Mobilfunknetze – doppelt so viel wie im Vorjahr.

Die Botschaft hat auch den Bundesfinanzminister erreicht. Schon träumt der von einer neuen Auktion zusätzlicher UMTS-Frequenzen. "Die begonnenen Vergabeverfahren werden wir zügig weiter führen", bestätigt Matthias Kurth.