ZEIT online: Herr Schertz, warum mündet Solidarität für Opfer immer wieder in mediale Hetzkampagnen?

Christian Schertz: Unglücksfälle, Entführungen, Krankheiten – es gibt viele Gründe, aus denen Privatpersonen plötzlich in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Das Problem dabei ist, dass sie im Gegensatz zu Prominenten keine Erfahrung im Umgang mit Medien haben. Darum begehen sie Fehler, indem sie etwa vorschnell Interviews geben. Es ist wichtig zu begreifen, wie Boulevardmedien funktionieren: Zuerst erzeugen sie Mitleid und Anteilnahme. Kommt es aber zu einem Fehlverhalten der Betroffenen, drehen sie die Geschichte einfach um. So haben sie länger etwas davon.

ZEIT online:
Ist Susanne Osthoff, die erste deutsche Irak-Geisel, ein besonders drastischer Fall?

Schertz: Susanne Osthoff wurde Opfer eines spektakulären Verbrechens. Als sie freikam, ging es plötzlich um die Frage, wo sie ihr erstes Interview geben soll. Jahrelang hat sie kaum in Deutschland gelebt und war mit den deutschen Medien nicht vertraut. Ihr Auftritt im heute journal hatte eine verheerende Wirkung. Susanne Osthoff saß im Schleier bei Frau Slomka in der Sendung, wurde mit zahlreichen Fragen konfrontiert und war überfordert. Zurück blieb ein wirres Interview. Die Boulevardmedien stempelten sie sofort ab, nach dem Motto: Dafür nun dieser ganze Aufwand?

ZEIT online: Kann es nicht auch hilfreich sein, einmal gezielt vor die Kameras zu treten?

Schertz: Das hängt vom Einzelfall ab. Ich bin kein Freund des Mottos "Jetzt rede ich". Jedes Interview, das man gibt, führt zu einer Folgeberichterstattung. Ich würde meinen Mandanten nicht empfehlen, ein klärendes Exklusivinterview zu geben.

ZEIT online: Weil sich die Medien damit nicht zufriedengeben?

Schertz: Natürlich nicht, das Gegenteil ist der Fall: Wer ein Interview gibt, steigert das Interesse der Medien. Er setzt einen neuen Nachrichtenwert. Das führt zu weiteren, vielleicht sogar massiveren Anfragen. Im Fall Natascha Kampusch war es vielleicht richtig, das enorme weltweite Interesse mit einem einzigen, selbst bestimmten Interview zu bedienen. In der Folge wiederum, finde ich, hat sie einige Fehler gemacht. Jetzt hat sie sogar eine eigene Talkshow – das entbehrt nicht einer gewissen Absurdität.

ZEIT online: Im Fall der "Keller-Kinder" von Amstetten haben Reporter sogar versucht, sich ins Krankenhaus einzuschleichen. Wird die Berichterstattung in solchen extremen Fällen immer rücksichtsloser?

Schertz: Durch den Wettlauf der Medien untereinander wächst auch der gegenseitige Druck. Die Eingriffe sind tatsächlich heftiger als früher. Ich hatte kürzlich einen Fall, in dem Reporter durch geschickte Recherche auf private Fotos von jungen Opfern gestoßen sind und diese ohne Erlaubnis der Eltern veröffentlicht haben. Jeder versucht, die Sache möglichst exklusiv zu bekommen. Es werden auch Verträge geschlossen, es fließt viel Geld. Im Gegenzug verlangen die Journalisten von den Opfern, dass sie alles erzählen.