Warum könnte eine Versicherung den Wunsch hegen, sich selbst das Geschäftsmodell zu vermasseln? Bei den privaten Krankenversicherungen in Deutschland hilft ein Blick in die Statistik auf der Suche nach einer Erklärung. Rund 8,6 Millionen Menschen sind derzeit privat vollversichert. Fast die Hälfte sind Beamte und ihre Familien. Sie werden jedes Jahr älter, und immer weniger Junge rücken nach. Damit ist das herkömmliche Geschäftsmodell der Privaten schon jetzt in Gefahr.

Zusätzlich macht die Politik Druck: Im vergangenen Jahr nahmen die Krankenversicherer nur 60.000 Neuzugänge auf - die Hälfte des zuvor Üblichen. Die nachlassende Begeisterung der Kunden hat offenbar auch mit der Gesundheitsreform zu tun. Belastet werden die großen Versicherer auch durch eine neue gesetzliche Regelung, der zufolge Versicherte erst nach einer Karenzzeit von drei Jahre ins private System wechseln können. Das alles trifft gerade große Gesellschaften wie die Allianz, die ohnehin Mühe haben, Sterbefälle durch das Neukundengeschäft wettzumachen.

Gründe für radikale Umbaupläne gibt es also genug. Genau solche systemverändernden Pläne hat die Arbeitsgruppe „Soziale Sicherung 2020“ unter Leitung des Axa-Vorstands Heinz-Peter Roß im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft entworfen. Die zehn Seiten ihres Strategiepapiers, die der Financial Times Deutschland in die Hände fielen, stellen das gesamte Geschäftsmodell der privaten Versicherer infrage. Sie sind, wie das Blatt schreibt, eine „Kriegserklärung“ an die privaten Krankenversicherung.

Die Arbeitsgruppe fordert, das bisherige System einer privaten Vollversicherung – neben der gesetzlichen – abzuschaffen und durch eine verpflichtende Grundsicherung für alle zu ersetzen. Die Grenzen zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung sollen fallen. Beide sollen künftig eine Grundsicherung anbieten. Langfristig werden die gesetzlichen Kassen abgeschafft oder in private Gesellschaften umgewandelt. Die Privaten müssen im Gegenzug jeden Kunden annehmen.

Finanziert werden soll das Ganze über eine Prämie, die für alle Versicherten unabhängig von Alter und Geschlecht gleich ist. Ob besonders gesund lebende Personen Rabatte erhalten können, bleibt bislang offen. Umverteilt wird über das Steuersystem, der Staat zahlt die Beiträge der Kinder. Die Privaten verkaufen weiterhin Zusatzversicherungen, zum Beispiel für Zahnersatz oder die Chefarzt-Behandlung.

In Grundzügen erinnert das an das niederländische Modell. Dort hat die Mitte-Rechts-Regierung Anfang 2006 eine Gesundheitsreform auf den Weg gebracht, die immer wieder als Kompromiss-Lösung für eine Reform des deutschen Systems zitiert wird. Auch in den Niederlanden fiel das Zwei-Klassen-Modell von privater und gesetzlicher Krankenversicherung, wenn auch in kleinen Schritten. In Teilen geschah dies bereits in den achtziger Jahren, als die privaten Krankenversicherer verpflichtet wurden, alle Versicherten oberhalb der Versicherungspflichtgrenze aufzunehmen. "Viele private Versicherungen haben in der Folge gesetzliche Krankenkassen übernommen oder eingegliedert", sagt Reinhard Busse, Experte für das niederländische Gesundheitssystem an der Technischen Universität Berlin.

Mit der Reform von vor zwei Jahren fielen die Grenzen endgültig. Die gesetzlichen Krankenkassen wurden abgeschafft, jeder Niederländer muss sich seither in einer privaten Krankenkasse grundversichern. Für eine Zahnbehandlung braucht man in den Niederlanden eine Zusatzversicherung, es sei denn, der Patient zahlt selbst. Die Grundversorgung wird zur Hälfte vom Arbeitgeber finanziert und teilweise vom Staat.