"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will", so lautet eine traditionsreiche Parole der Arbeiterbewegung. Streiks gelten den organisierten Beschäftigten immer noch als das wirksamste Mittel, um Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Dass es allerdings auch anders kommen kann, beweisen seit mittlerweile sieben Wochen die Gewerkschaften Ver.di, GEW und GdP in Berlin. Seit Anfang Mai streiken die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in der Hauptstadt. Aber das Motto lautet längst: Stell dir vor, es ist Streik und keiner merkt´s.

Kein starker Arm, keine stillstehenden Räder, noch nicht einmal die Solidarität der Berliner gibt es, sondern nur Hohn und Spott: Die Autofahrer freuen sich über ausbleibende Knöllchen, die Grünanlagen vertrocknen in Berlin sowieso jeden Sommer, und wenn die Bürgerbüros in den Bezirksämtern mal wieder geschlossen sind, fragen sich viele Hauptstädter eher: Ja, streiken die nicht sowieso das ganze Jahr?

An diesem Dienstag nun haben sich die öffentlich Beschäftigten allerdings endgültig ins Abseits manövriert. Ausgerechnet am 17. Juni, dem 55. Jahrestag der Arbeiterunruhen in der DDR, die von der SED und der Sowjetarmee gewaltsam niedergeschlagen worden waren, hatten die drei Gewerkschaften zu einem "Arbeiteraufstand" aufgerufen.

Ausgerechnet jenen Tag, an dem in Berlin alljährlich mit Kranzniederlegungen an die Toten von 1953 erinnert wird, meinten einige Gewerkschafter, für ihre Interessen instrumentalisieren zu müssen. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, daran zu erinnern, dass auch der Ausstand damals mit Protesten gegen die Arbeitsbedingungen begonnen habe.

Als die Gewerkschaftsspitzen den peinlichen Fauxpas bemerkten, war es schon zu spät. Klammheimlich wurde aus dem lauthals angekündigten Arbeiteraufstand ein "ArbeiterInnen-Streiktag", mit anschließendem Streikfrühstück vor dem Roten Rathaus. Aber mehr als 700 genauso kampfbereite wie hungrige Arbeitnehmer konnten Ver.di, GEW und GdP nicht aufbieten.