Joachim Löw tobte. Er fuchtelte mit den Armen, zischte und blickte den vierten Schiedsrichter an, als hätte der etwas ganz, ganz Schlimmes getan. In Wirklichkeit hatte der Unparteiische versucht, die Fußballtrainer Löw und Hickelsberger zu beruhigen. Als er es nicht schaffte, verwies er beide des Feldes.

Löw schaute schräg und stapfte kurz vor Ende der Halbzeit die Stadiontreppen hinauf. Er setzte sich auf den Schalensitz, steckte sich einen großen Kaugummi in den Mund und kaute. Die TV-Kameras zoomten sein Bild groß, er rutschte in den Sitz hinein und ließ sein weißes Designerhemd spannen. Mit etwas Einbildung konnte man das Schmatzen hören.

Der Bundestrainer, den sie selten Trainer, aber oft Fußballlehrer nennen, sagte nach dem Spiel, er habe nicht die Coaching-Zone verlassen (wie ihm vorgeworfen wurde). In keinster Weise habe er den Schiri beleidigt. Er wollte nur seine Mannschaft dirigieren, anfeuern, motivieren. Er wollte nur seinen Job erledigen.

Vermutlich wird man sich in einigen Jahren an das Spiel in Wien erinnern und an zwei Dinge denken: Ballacks Sonntagskracher in den Winkel und Löws Ausbruch. Die Bilder des menschelnden Löw werden häufiger im Fernsehen gezeigt werden als Ballacks Siegtor. Raab, Pocher, Schmidt und Co werden sich bedanken. Wenn Bundestrainer und Bundeskanzlerin über einen Platzverweis debattieren, steigt die Quote. Das ist volksnah.

Dabei ist Löw kein Inszenierer. Er ist der Puls-60-Mensch. Er fordert von seinen Spielern nicht, dass sie „Gras fressen sollen“, weil er es selbst nie getan hat. Schon als Spieler war er kein Wadenbeißer, Kämpfer oder Terrier.

Als Trainer nannten die Kritiker den Trainer in den Neunzigern nur „den netten Herrn Löw“. Nach Niederlagen in der Bundesliga wirkte er damals für viele „zu lieb“. Eine 0:4-Pleite analysierte er im Dialektdeutsch und mit höchster Disziplin. Durch die Nase schnaufte er selten. Gerümpft hat er sie eigentlich nie.