Als ich nach Hause komme, stehen alle um den Kühlschrank herum. Das ist in meiner WG nicht ungewöhnlich, auf dem Kühlschrank befindet sich unser Fernseher. Seit die EM angefangen hat, stehen wir oft hier. So können wir den Nachschub an Snacks und Bier organisieren, ohne etwas zu verpassen.

Heute ist etwas anders: Jemand kocht! Das ist in meiner WG durchaus ungewöhnlich. Dieser „Jemand“ wird mir von meinem Mitbewohner Fabian als Claudia vorgestellt, eine Kollegin. Claudia kommt aus der Schweiz. Und sie macht gerade Rösti. Ich bin begeistert. Worüber ich mich allerdings wundere: Sie werkelt an den Pfannen und Brettchen in schönster Harmonie mit meinem anderen Mitbewohner, Sinan. Er ist Türke. Vor drei Jahren haben sich die schweizer und türkischen Nationalfußballer geprügelt, das weiß ich inzwischen und blicke besorgt auf die scharfen Messer, mit denen Sinan und Claudia Salat schnippeln. Noch fünf Minuten bis zum Spiel.

Ich setze mich neben Lena, Fabians hübsche Freundin, und rühre eine Salatsoße an. Es geht los. Das Baseler Stadion sieht aus, als gieße jemand sehr viel Wasser in eine sehr große Schüssel. Wir fünf machen es uns in der warmen, trockenen Küche bequem. Lena und ich freuen uns lautstark an den herrlich durchnässten Fußballerkörpern, die durch den Matsch schlittern. Fabian guckt irritiert. Lena will die Kartoffeln reiben, doch Claudia besteht darauf, sie zu „raffeln“, was eigentlich dasselbe ist. „Aber reiben, also, das klingt ja total anzüglich“, sagt sie.

Sinan schaut kaum aufs Spiel. Er redet. Als die Türken vergangene Woche gegen Portugal verloren hatten, lobte er die Sieger überschwänglich. Obwohl er das Spiel nur zur Hälfte gesehen hatte. Ihm war was dazwischengekommen. Sinan ist kein großer Patriot, denke ich erleichtert. Nach dem ersten Tor, von einem türkischstämmigen Schweizer, gibt's Essen. „Hopp Schwiz!“, ruft Claudia vergnügt und tunkt ihre Rösti in die Pilzsoße. Sinan schenkt ihr Wein nach. Mir geht das Herz auf. Der Wind der Völkerverständigung weht durch meine Küche!

In der Halbzeit kommt Hanno vorbei. Er wohnt auf der anderen Straßenseite und hat sich einen eigenen Cocktail mitgebracht, im Plastikbecher. Hanno stößt Claudia kurz vor den Kopf, indem er ihre Rösti als Kartoffelpuffer bezeichnet. Zum Glück versteht Claudia Spaß.