Der Prater-Biergarten im Prenzlauer Berg ist eigentlich einer meiner Lieblingsorte, um zu lesen. Heute bin ich in der Hoffnung hier, auf spanische oder schwedische Fans zu treffen, der Prenzlberg ist mittlerweile genauso multikulturell wie Neukölln. Auf den ersten Blick sind diese Fans aber nicht als solche zu erkennen. Fahnen und Fußballkriegsbemalung gehören nicht zum Berg-Chic. Erst in der 15. Minute springen in den ersten Reihen vereinzelt Leute von den Bierbänken, als Spanien das erste Tor schießt. Im Prenzlberg wird Fußball als Szene-Event zelebriert. Die überwiegenden Gespräche kreisen um die üblichen Themen: Kinder, Kleidung, Konsum.

Szenenwechsel zur zweiten Halbzeit. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Kulturbrauerei höre ich statt Fußballgegröle, russische Volkslieder. Während der Klassenfeind nebenan um den Einzug ins Viertelfinale kämpft, feiert die sozialistische Tageszeitung, Neues Deutschland Pressefest. Es gibt einen Stand mit Produkten aus Ostdeutschland, von Tempo Erbsen bis KuKo Reis. Mit einem Glas Nudossi in der Hand schimpft ein aufgebrachter Ex-Ossi über seine ehemaligen Genossen: "Früher bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, heute Brauereiarbeiter im Westen. Alles Verräter, Heuschrecken!"

Nebenan gibt es Crepes mit Nutella. Gegenüber wirbt Die LINKE "gegen Dummheit und Fremdenhass" und verkauft Baby-Strampler mit der Aufschrift "lautstark wie Oskar", für 15 Euro.

Links daneben titelt die andere linke Tageszeitung, die junge Welt : "EU – Irland 1:0", darunter ein fußballspielender Karl Marx mit der Überschrift: "Auch ein Angstgegner".

Der Jubel in der Nachspielzeit, nach dem Siegtreffer Spaniens, bringt mich in die Realität zurück. Mit den neusten Ausgaben der linken Presse versorgt, mache ich mich auf den Heimweg. Die Partie Russland gegen Griechenland schaue ich mir mit einem italienischen Freund in einer Eckkneipe auf der Sonnenallee an. Fabio und ich werden als Neulinge warmherzig in die Stammtisch-Community aufgenommen. Norbert gesellt sich zu uns. Wir kennen ihn nicht, aber er ist begeistert von Fabios italienischem Akzent und erzählt uns alles über seine langjährige Freundschaft zu einem grandiosen Pizzabäcker aus seinem Heimatdorf in der norddeutschen Tiefebene.

Er kommt zu der festen Überzeugung, dass Fabio der Bruder eben dieses Pizzabäckers sein muss. Fabio reagiert souverän und gibt geduldig Auskunft über seine Familie. Am Ende sind sich alle einig, dass Büffelmozerella viel besser schmeckt als der aus Kuhmilch.

Das Spiel läuft im Hintergund auf ein fades 1:0 für Russland hinaus, aber davon kriegen wir nach der dritten Runde Bier nichts mehr mit.

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