"Ich stelle schon mal das Bier für dich kalt", hat unsere Kinderfrau am Morgen des Kroatien-Spiels zu mir gesagt. Aber sie hat das nicht gesagt, weil sie wirklich das Bier kalt stellen würde, es gab bisher kein Bier in unserem Haushalt, sondern weil wir bisweilen gern zusammen neuartige Sätze ausprobieren, die dem Sozialumbau in vielen deutschen Familiengefügen Ausdruck geben.

Unsere Kinderfrau hat dieselbe Ausbildung wie ich, nur hat sie die Unwägbarkeiten des Lebens und des Arbeitsmarkts anders durchschifft, und auch deshalb sagt sie jetzt mit feiner Ironie "Chefin" zu mir, wenn ich mal wieder nicht weiß, wie ich den Tag hinkriegen soll, diesmal den Tag des Kroatien-Spiels. Auch Fußball kann offenbar seelische Verunsicherung bedeuten, in Zeiten des Zerfalls stabiler Milieus, Lebensmuster und Rollenbilder.

Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass eine sonst eher im Bücherfeld spielende Redakteurin von Berufs wegen gern Fußball gucken will, um darüber dann im Netz zu berichten. Und zwar auch, weil sie in den sechziger Jahren unter lauter Jungs aufgewachsen ist, also auch Fußball gespielt hat und heute keiner denken soll, Fußball käme ohne die Mädchen aus. Die interessiert das wie Jungs, nur etwas anders. Daher habe ich gleich zugesagt, als die Internet-Kollegen mich baten, einen Eintrag ins EM-Tagebuch zum Kroatien-Spiel zu schreiben!

Dann war es soweit, Donnerstag, 12. Juni, aber ich kannte mich in dieser EM noch nicht aus, es war zu viel anderes zu tun seit dem Anpfiff. Inkompetente Texte schätze ich nicht, außerdem war gleichzeitig noch ein Text fürs Feuilleton zu verfassen, und kein helfender Mann mehr in Sicht. Der Zuständige sitzt tagelang auf einer Klausurtagung hinter geschlossenen Türen - nachdem ihm unsere zehnjährige Tochter bis zur letzten Sekunde vorm Aufbruch bei der Powerpoint-Präsentation helfen musste.

Die wollte dann auch mir, ihrer Mutter, beim Kroatien-Spiel helfen. Sie kennt sich genug aus, um etwas Orientierung bieten zu können. Eigentlich wollte sie das Spiel mit Freundinnen sehen, aber angesichts meiner Sorgen hat das Kind kopfschüttelnd gesagt, lass mal, Mama, das kriegen wir schon hin, dann bleibe ich eben zu Hause bei Dir, wir gucken zusammen, und ich gebe Dir Tipps, was wichtig ist! Da war ich sehr froh. Sie hat mir auch eine riesige Schweizer Toblerone geschenkt, mehr als einen halben Meter lang ist das Ding, mit deutscher Fahne dran, beides zum Winken.

Mein 12-jähriger Sohn wollte den Abend mit seiner Fußballmannschaft im Vereinshaus verbringen, es sind Türken dabei, aber, soweit ich weiß, auch ein Kroate. Welche Mutter würde da nein sagen, nur weil sie Hilfe beim Kommentieren des Kroatien-Spiels braucht? Dann ist etwa eine Stunde vor Anpfiff das Floß im Kanal gekentert, das die Kinder gebaut haben, und alles war stinkend nass, die Kinder immerhin halbwegs unverletzt. Etwas Erste Hilfe musste aber doch sein, als ich zu Hause eintraf. Der Sohn verschwand dann leidlich geflickt, da waren die Hymnen schon abgesungen.