Eine der unvermeidlichen offiziellen Tonschaukeln zur diesjährigen EM nennt sich "Fieber" und will mit seinen holprigen Kinderreimen wohl so was wie eine euphorische Stimmung beschwören. "Wir haben Fieber / Komm sei dabei / Wir erleben Emotionen / Und heben ab, denn wir sind frei." Puh. Mit Emotionen ist wohl die gute Stimmung gemeint wie damals, während der WM. Doch abgesehen davon, dass der Song beim Hören tatsächlich leichte Krankheitsgefühle auslöst, hab ich mich an diesem Wochenende mehrmals fragen müssen: Wo bleibt es denn bloß, das Fußballfieber?

Ich kann jedenfalls nicht die Auffassung teilen, unsere Nation dividiere sich derzeit in zwei Fanlager, nämlich emotionale Tischplattenkneifer und rationale Analytiker . Nein, der überwiegende Teil unserer Bevölkerung - und nicht nur der - übt sich in wohltemperiertem Desinteresse.

Am Samstag zum Beispiel, da saß ich mit meinem zweibeinigen Fußball-Almanach in einer Kneipe, die, wie alle Kneipen im Jahre zwei nach dem Sommermärchen, eine Großbildleinwand zusammengetackert hat. Wir waren nicht die Einzigen in diesem Laden, aber die Einzigen, fürchte ich, die versucht haben, das Spiel (Spanien gegen Russland) zu verfolgen. Alle anderen Gäste versuchten, uns daran zu hindern. Zum einen durch fußballfremde Konversation, die den Ton des Spiels schlicht überlärmte. Zum anderen durch trotteliges Herumstehen vor der Leinwand. "Wie? Oh, huch, ach, sie gucken EM!" Ja was denn sonst, du Depp?

Nun, das war am Samstag, wie gesagt, und es hätte auch einfach an der Kneipe liegen können. Hier aber soll es um den Sonntag gehen, jenen ersten Tag der letzten Vorrundenspiele, an dem ich feststellen musste, dass sich neben den Fans auch das Fernsehen nicht mehr um den Fußball schert.

Es ist nämlich so: Am Montag, dem Tag der Entscheidung für die Deutschen, spielen die Kroaten gegen Polen, und zwar, wie in den letzten Vorrundenspielen üblich, zur selben Zeit wie Yogis "Wir-gewinnen-100-prozentig"-Elf. Mal davon abgesehen, dass auch Polen sich noch für das Viertelfinale qualifizieren kann und die Partie damit durchaus von Bedeutung ist, muss ich dieses Spiel sehen. Die Kroaten sind meine Paten-Elf, ich soll von der Begegnung berichten.

Wie ich das bewerkstelligen soll, weiß ich allerdings noch immer nicht, denn der beiläufige Blick ins Fernsehprogramm vom Sonntag ließ eine Katastrophe erahnen: Tatort um 20:15 im Ersten, Tschechien-Türkei im Zweiten. Am Montag überträgt die ARD dann das Deutschland-Spiel, im ZDF läuft derweil eine Rosamunde-Pilcher-Streifchen, Magie der Liebe . Mir wurde schlecht.

Haben die früher nicht immer beide Spiele übertragen? Regiert denn nur noch die Quote? Ich kann natürlich verstehen, wenn der Fokus an jenem Tag, da Deutschland gegen Österreich ausscheiden wi... hoppsala: könnte, auf unserer Mannschaft liegt, aber vor vier Jahren waren die Öffentlich-Rechtlichen noch ziemlich stolz darauf, beide Spiele übertragen zu haben.

Tatsächlich tun sie das auch in diesem Jahr, wie ich herausfand, und zwar im Digitalfernsehen, das ich als wahrscheinlich letzter Mensch der Republik, der noch analog über Kabel glotzt, nicht empfange.