ZEIT online: Nein in Dublin, Panik in Brüssel: Warum?

Matthias Chardon: Wenn man bedenkt, dass der Vertrag von Lissabon eine fast zehn Jahre lange Phase der Überlegungen und Verhandlungen zum Abschluss bringen sollte, dann ist es verständlich, dass sich in Brüssel Panik breit macht. Nach dem die Verfassung scheiterte, begann die Phase der Reflexion, die zum Vertrag von Lissabon führte – mit teils sehr harten Verhandlungen. Und jetzt wieder ein großer Scherbenhaufen? Das ist eine zutiefst frustrierende Erfahrung.

Ziel war es ja, die EU handlungsfähiger, demokratischer zu machen und ihr dort mehr Kompetenzen zu geben, wo die Bürger das auch wollen. Und das wurde auch im Großen und Ganzen erreicht. Um so unverständlicher ist es, dass die Iren "Nein" gesagt haben.

ZEIT online: Politiker sprechen von einer Krise in der EU, mit Folgewirkungen, die im Moment niemand voraussagen kann. Das hört sich dramatisch an.

Chardon: Man kann derzeit tatsächlich nicht sagen, was passieren wird. Eventuell werden Großbritannien und die Tschechische Republik den Ratifikationsprozess stoppen – in diesem Fall wäre der Vertrag von Lissabon endgültig tot. Der Nizza-Vertrag würde weiterhin gelten. Dieser Vertrag aber ist schwerfällig und auch nicht sonderlich transparent. Das könnte zu größerer Handlungsunfähigkeit der Union führen. Angesichts globaler Herausforderungen kann sich das die EU nicht leisten.

Es wäre auch denkbar, dass einige Staaten sagen, jetzt gehen wir einfach alleine voraus, der Zusammenhalt der Union wäre gefährdet, wenn solche Projekte – ein differenziertes Europa – unvorsichtig angepackt werden. Gleichzeitig sollte aber der Ratifikationsprozess fortgesetzt werden, um wenigstens die Chance zu haben, Irland noch einmal zu fragen, wenn alle anderen ratifiziert hätten.

ZEIT online: Der französische EU-Minister Jouyet sprach von möglichen "juristischen Arrangements" mit Irland. Ist es überhaupt möglich? Wie würde dieses Arrangement aussehen?