Europa ist geschockt. 862.415 Iren haben den Reformvertrag von Lissabon abgelehnt und dadurch 490 Millionen EU-Bürgern den Weg in die gemeinsame Zukunft versperrt – wenigstens zunächst.

Schon einmal haben die Iren Nein gesagt, im Jahr 2001 zum Vertrag von Nizza. Damals erfeilschten sie sich eine Reihe von Sonderrechten und -vergünstigungen, um dann in einer zweiten Volksabstimmung das Vertragswerk doch noch gutzuheißen. Zählen sie etwa darauf, das gleiche Spiel noch einmal treiben zu können?

Die EU sollte sich auf solch einen Kuhhandel nicht ein zweites Mal einlassen. Kein anderes Land hat von der Brüsseler Gemeinschaft so stark profitiert wie Irland in den 35 Jahren seit seinem Beitritt. Aus dem Armenhaus des Kontinents ist dank der üppigen Fördermittel aus den EU-Töpfen (55 Milliarden Euro) der "keltische Tiger" geworden, ein Wirtschaftswunderland von geradezu asiatischer Wachstumsdynamik.

Am Rande des Wegs zum Wohlstand sind jedoch einige Fußkranke liegen geblieben. Ihr Aufbegehren wurde jetzt genährt von vielen hanebüchenen Gerüchten über die Folgen des Reformvertrags. Hinzu kamen der Unmut über die Korruptionsaffäre, die vor Kurzem zum Rücktritt des Premierministers Ahern geführt hat, und die Sorge um die neuerdings etwas schwächelnde Wirtschaft. Wieder einmal, wie vor drei Jahren schon in Frankreich und den Niederlanden, schlugen die Wähler den Sack EU, meinten aber in Wahrheit den Esel der eigenen Regierung.

Die ganze Absurdität von Volksentscheiden über ein so komplexes Gebilde wie die Europäische Union wird daran abermals sichtbar. Die Minderheit eines Volks – im irischen Beispiel ganze 45 Prozent der Stimmberechtigten – bestimmt dabei über die Mehrheit von 27 Völkern. Volksabstimmungen mögen in Fällen sinnvoll sein, in denen es um das Schicksal des eigenen Landes geht. Doch wenn sie die Zukunft anderer Länder betreffen, sind sie das falsche Instrument.