Etwas mehr als einen Monat schien die olympische Fackel sicher auf ihrem Lauf durch das Gastgeberland China. Doch damit ist es nun vorbei. Streng abgeriegelt wird sie diese Woche durch die westlichen Unruheregionen getragen – das muslimisch geprägte Xinjiang und das tibetische Hochland. Menschenrechtler kritisierten den Fackellauf durch diese Gebiete, der „die olympische Bewegung befleckt“, wie Human Rights Watch (HRW) erklärte.

Lange hatten die Organisatoren den Termin für den Tibet-Lauf geheim gehalten – offenbar wollten sie es potenziellen Protestlern schwermachen. Die Änderungen im Plan, wonach der Lauf durch Tibet auf einen Tag verkürzt und die Xinjiang-Etappe vorverlegt worden war, wurde offiziell mit dem schweren Erdbeben in der Südwestprovinz Sichuan begründet. Der dortige Lauf war gekürzt und verlegt worden. Außerdem hatte die Route wegen der Staatstrauer um die Erdbebenopfer drei Tage ausgesetzt.

Noch schwerer dürfte jedoch die Angst vor neuen Unruhen in Tibet wiegen. „Die Behörden befürchten weiterhin, dass die Tibeter Proteste veranstalten könnten“, sagt HRW-Asien-Direktorin Sophie Richardson. Seit den Unruhen haben die Behörden das Hochland von der Außenwelt abgeschnitten. „Wenn Tibet für die Fackel geöffnet wird, muss es auch für eine internationale Untersuchung, die Medien und jeden, der wissen will, was genau im März passiert ist, offen sein“, fordert Richardson.

Schon auf ihrer weltweiten Reise durch 19 Länder war die Fackel von pro-tibetischen Protesten begleitet worden. Die „Reise der Harmonie“, wie die Pekinger Organisatoren die Route optimistisch getauft hatten, wurde zum Spießrutenlauf. Chinesische Patrioten waren empört. Erst als die Flamme Anfang Mai chinesischen Boden erreichte, atmeten die Organisatoren auf. Die Fackel wurde ohne größere Zwischenfälle durch die Süd-, Ost und Zentralprovinzen gebracht.

Bei einem umstrittenen Höhepunkt schafften Bergsteiger die Flamme sogar erstmals bis auf den Gipfel des Mount Everests. Für den Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt war das olympische Feuer zweigeteilt worden – die beiden Flammen sollen in Lhasa nun bald wieder vereint werden. Der Staffellauf durch die Westregionen zeugt nach Ansicht von Kritikern aber von einer anderen Einheit, die in China nur verordnet ist: Nämlich der zwischen Führung und den Völkern im Westen, unter denen Unzufriedenheit und Träume von Unabhängigkeit verbreitet sind.

Wie zerbrechlich diese „Harmonie“ ist, zeigen die Berichte über äußerst strenge Sicherheitsvorkehrungen. Teilnehmer und Zuschauer seien vor dem Fackellauf am Dienstag in der Provinzhauptstadt Ürümqi von den Behörden sorgfältig überprüft worden, berichtete der in München ansässige Sprecher des Weltkongresses der Uiguren, Dilxat Rexit. Zuschauer seien dazu genötigt worden, „Auf geht's, China“ zu rufen – einen derzeit landesweit propagierten patriotischen Anfeuerungsruf.

Die Behörden hätten außerdem Uiguren davor gewarnt, nicht mit Journalisten über politisch heikle Themen oder Probleme zwischen den acht Millionen Angehörigen dieses muslimischen Turkvolks und der Bevölkerungsmehrheit der Han-Chinesen zu sprechen. 10.000 Uiguren ohne offiziellen Aufenthaltsstatus für diese Orte hätten Ürümqi und die nächste Station Kashgar vor dem Fackellauf verlassen müssen. (Till Fähnders, dpa)