Als wir heute Morgen, wie jeden Morgen, die Leser-Kommentare durchsahen, dachten wir kurz, der engagierte Kommentierer "Bobbeamon" habe seherische Fähigkeiten: "Müller-Wirth nicht am richtigen Ort" war sein Beitrag überschrieben. Da sind wir kurz zusammengezuckt, hatten wir doch gestern, nach getaner Arbeit wegen unaufschiebbarer privater Verpflichtungen einen Abstecher in die Berliner Heimat unternommen.

"Bobbeamon" meinte das aber ganz anders, er plädierte dafür, den Kolumnisten auszuwechseln und ihn zur Strafe in Sonderurlaub zu schicken. Wir sind trotzdem, nach einem kurzen Croissant-Butter-Rote-Marmelade-Frühstück im Flughafen-Mövenpick mit einigen deutschen Fans von Berlin nach Wien gereist, um unsere Arbeit fortzusetzen.

Zuvor hatten wir, wie jeden Morgen, die "Reden-mit-Fritz"-Kolumne des Kollegen Ulrich durchgesehen und einen schönen Satz gefunden, der uns vermutlich noch intensiv begleiten wird. Es ging um die Weigerung der deutschen Fußballer, ihre wahren Gefühle, die Angst vor dem Spiel gegen Österreich, zu zeigen. " Was wäre das für ein Leben ", fragt der Kollege Ulrich, "wenn man immer nur die Gefühle hätte, die zu haben von Nutzen sind?" Vieles spricht dafür, dass uns ziemlich unkontrolliert-gefühlige Tage bevorstehen werden in (Fußball-)Deutschland - und auch in Ascona. Willkommen in der Woche der Wahrheit.

Wie gefühlig diese Woche werden könnte, zeigt schon der Blick in die einschlägige Presse. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelt auf ihrer ersten Seite "Nie wieder!" Nie wieder Krieg? Nie wieder EU? Nie wieder Beck? Nein, "Nie wieder Cordoba". Cordoba, man muss das heute eigentlich nicht mehr erklären, steht für die große Niederlage der Deutschen gegen Österreich, 1978, während der WM in Argentinien.

Wenn die FAZ also fordert "Nie wieder!", dann ruft sie doch ganz unverhohlen, wie sonst nur Johannes B. Kerner oder der Pilot unserer Air-Berlin-Maschine, zur Unterstützung der deutschen Mannschaft auf. Vielleicht ist das Flehen aber auch dem Gesamtkunstwerk Cordoba gewidmet, denn damals gewannen die Österreicher zwar 3:2, schieden aber trotzdem aus - wie auch das deutsche Team.

Diese Variante ist für heute Abend ausgeschlossen, sonst allerdings ist ziemlich viel möglich. Beginnen wir mit den Personalien. Für die Aufstellung werden zwei Varianten diskutiert.

Die eine hätte viel Veränderung zur Folge, eine Portion Risiko, nennen wir sie, einfach so, die "Klinsmann"-Variante. Sie geht so: Arne Friedrich käme auf der Position des rechten Verteidigers ins Team, Podolski rückte (für Gomez) in den Sturm und Hitzlsperger (für Podolski) ins Mittelfeld.

Variante zwei wäre die "Löw"-Variante, wenig Veränderung, wenig Risiko: Friedrich für Jansen (muss sein, ist ja verletzt) und sonst alles wie gehabt, mit Clemens Fritz im rechten Mittelfeld.

Die meisten Löwologen erwarten die "Löw"-Variante. Und wir? Wir glauben - und bleiben da unserer Linie seit der WM 2006 treu: Etwas mehr Klinsmann täte Löw nicht schlecht.