Ein ehrliches Wort zu Beginn: Die wesentlichen Bausteine für diese Kolumne standen schon vor dem Spiel der deutschen Mannschaft gegen Kroatien fest. Ein bisschen Abschied (von Klagenfurt, wo wir ja jetzt zum zweiten Mal immerhin einen dreiviertel Tag auch außerhalb des Stadions verlebt hatten), ein bisschen Vorfreude (auf Wien, wo die Deutschen ja am Montag gegen Österreich antreten), ein bisschen Bilanz (der ersten Turnierwoche) – und ein paar zeitlose Bemerkungen zu eben jenem Kroatien-Spiel. So war der Plan. Es war ein Plan für die Tonne! Alles gelöscht!

Joachim Löw kann nach der blamablen Niederlage gegen Kroatien keine Löschtaste betätigen. Er hat nun bis zum Match in Wien gegen Österreich drei Tage Zeit, um sich, um im Bild zu bleiben, neue Taktikbausteine zu suchen, um die schwarze Nacht von Klagenfurt aus dem deutschen Fußball-Gedächtnis zu löschen. Nach dem Spiel war Löw allerdings zunächst mit einer anderen Suche beschäftigt, der nach den Fehlern. Fast jeden seiner Sätze begann er dabei mit den Worten: "Wir wollten". "Wir wollten nicht hohe, sondern flache Bälle spielen". "Wir wollten Druck ausüben". "Wir wollten das Spiel dominieren". Und fast jeder dieser Sätze endete, kurz gesagt, mit der Erkenntnis: "Wir haben es nicht geschafft." Löw sprach in der "Wir"-Form. Ihm wird aufgefallen sein, dass der größte Teil des "Wir" auf ein "Ich" verweist, das "Ich" des Trainers Joachim Löw. Wo "wir" nicht umsetzen, was "wir" uns vorgenommen haben – da hat der Trainer, wie man so schön sagt, die Mannschaft nicht erreicht.

Wie deprimierend muss dabei für Löw gewesen sein, dass die von ihm in den vergangenen Tagen stets herausgestrichenen Primär-Tugenden "Taktik" und "Fitness" an diesem Abend in Klagenfurt wie ausgestöpselt schienen. Gegen die robust, aber keineswegs, wie befürchtet, überhart auftretenden Kroaten, schienen die deutschen Spieler physisch unterlegen – und zwar nicht aufgrund geringerer Körpermaße, sondern, weil ihre Gegenspieler so viel leidenschaftlicher und bedingungsloser in die meisten Zweikämpfe gingen.

Was nun den taktischen Zusammenbruch betrifft, so bleiben Löw eigentlich nur zwei Deutungen. Beide werden ihn nicht wirklich fröhlich stimmen. Variante eins wäre eine unerklärliche Disziplinlosigkeit, ja geradezu eine Arbeitsverweigerung nach penibelster, aber eben dann nicht befolgter Vorbereitung durch "Seine Effizienz" Joachim Löw und den Cheftaktiker Urs Siegenthaler. Variante zwei wäre eine Fehleinschätzung durch den Bundestrainer selbst. Nach dem Spiel betonte Löw, dass er mit der defensiven Einstellung der Kroaten gerechnet habe. Natürlich.

Defensive Kroaten? Warum in aller Welt bringt Löw dann sogar nach dem 0:1-Rückstand mit David Odonkor noch einen Mann, der als Prototyp des Konterspielers eigentlich nur dann mitspielen darf, wenn der Gegner unbedingt ein Tor schießen muss? Wo "wir" doch "dominieren wollten"? Odonkor – ein Löw-"Blackout". Am Ende eines langen Tages blieb jedoch die einmütige Erkenntnis: Für das auf Minimierung des Zufalls abzielende System Löw bedeuteten die 90 konfusen Minuten von Klagenfurt: Totalausfall.

Was nun? Ein paar Tage Bedenkzeit erbat Joachim Löw im Anschluss an das Spiel, um sich auf die Suche nach den Ursachen für den Systemausfall zu machen. Am nächsten Tag, punkt 12.30 Uhr saß er aber bereits wieder auf dem Podium im Pressezentrum. Ein Krisensymptom, denn unter normalen Umständen, wir sprachen davon, ist der Tag nach dem Spiel der Tag von Oliver Bierhoff, Andy Köpke oder anderen, nicht unmittelbar ins Geschehen des Vortages involvierten Persönlichkeiten. Nach einer ganzen Nacht und einem halben Tag Bedenkzeit also sprach Löw selbst, zunächst allerdings den scheinbar völlig unirritierten Löw-Sprech: