Kaum hatten Amerikas höchste Richter am Donnerstag ihr Urteil zu Guantánamo gesprochen, brach sofort wieder jener große Streit aus, der Amerika seit den Anschlägen vom 11. September 2001 spaltet. Er trennt Linke und Rechte, Verfassungspatrioten und Verfassungsrevolutionäre, Amerika und Europa, er zieht sich quer durch die Demokratische und die Republikanische Partei und mitten durch das Oberste Gericht, den Supreme Court.

Der Streit entzündet sich stets an derselben bedeutenden Frage: Stehen Terroristen, die vor nichts zurückschrecken und zum Selbstmord bereit sind, die kaltblütig Tausende unschuldiger Menschen töten und, wenn sie schon dazu imstande wären, sogar eine Atombombe zünden würden, die gleichen Rechte zu wie einem gewöhnlichen Verbrecher?

Ja, sagten jetzt die Richter mit der hauchdünnen Mehrheit von fünf zu vier Stimmen. Selbst Terroristen dürfen nicht willkürlich auf Nimmerwiedersehen weggeschlossen werden. Kein Freiheitsentzug ohne richterliche Überprüfung! "Die Gesetze und die Verfassung wurden entworfen," sprach Anthony Kennedy für die Mehrheit, ein eher konservativer Richter und das Zünglein an der Waage, "um außergewöhnliche Zeiten zu überstehen – und um selbst dann in Kraft zu bleiben." Giftig sagten die unterlegenen Richter "verheerende Konsequenzen" voraus und ließen sich gar zu der Behauptung hinreißen, "aller Wahrscheinlichkeit würden dadurch jetzt mehr Amerikaner getötet."

Wenn sich schon die zur Sachlichkeit berufenen Juristen derart befeinden, zeigt das: Tiefer kann der Graben kaum werden.  Während der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama "den Sieg des Rechts" feierte, rief sein republikanischer Widersacher John McCain, eigentlich auch ein Gegner des Gefangenenlagers Guantánamo, entsetzt: Diese Terroristen "sind doch feindliche Kämpfer; sie sind keine amerikanischen Staatsbürger". Präsident George W. Bush pflichtete ihm bei, und seine Sprecher sprachen von einer dunklen Stunde der amerikanischen Justiz. Unsinn, dies sei geradezu eine Sternstunde des Supreme Court, widersprach ihnen sogleich Parteifreund Arlen Specter, Senator aus Pennsylvania und wortmächtiges wie ebenso wichtiges Mitglied im Justizausschuss.

Dieser deutliche Richterspruch war notwendig und überfällig. Es erschrickt eher, dass er so lange auf sich warten ließ und derart knapp ausfiel. Das Verbot, einen Menschen willkürlich und ohne richterliche Kontrolle wegzusperren, fand erstmals in England vor knapp 330 Jahren seinen Weg in eine Gesetzesschrift, in die sogenannte Habeas Corpus Akte. Seit über 200 Jahren ist dieses fundamentale Bürgerrecht in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben und sogar mit dem besonderen Zusatz versehen, dass es nur im Falle einer Rebellion oder einer feindlichen Invasion außer Kraft gesetzt werden dürfe.

Diesem Diktum wollte sich die Regierung Bush nach den Anschlägen vom 11. September entziehen. Sie erfand für festgenommene Terroristen den "feindlichen Kombattanten"–Status und sperrte sie auf ihrem kubanischen Stützpunkt Guantánamo ein, zunächst unerreichbar für die Arme der amerikanischen Justiz. Nach dem Willen des Weißen Hauses sollten die Inhaftierten weder als normale Verbrecher noch als Kriegsgefangene behandelt werden und sich, wenn überhaupt, nur gegenüber einem eigens dafür entworfenen Militärtribunal verantworten.

Doch Amerikas Gerichte bemächtigten sich der unglückseligen Konstruktion und zerpflückten sie, wenn auch sehr langsam und auf mühselige Weise. Trotz ungezählter Versuche des Präsidenten, des Pentagons und des Kongresses, der Justiz die Kontrolle zu entziehen, behielt sie am Ende immer das letzte Wort.