ZEIT online : Herr Butterwegge, nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe leben in Deutschland 2,4 Millionen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren in Armut. Welche Armut ist gemeint?

Christoph Butterwegge : In aller Regel ist damit relative Armut gemeint. Anders als absolute Armut entspricht diese nicht dem, was wir uns im Allgemeinen unter Armut vorstellen, nämlich Verelendung und Hunger, was in der Dritten Welt dominiert. Das mag viele beruhigen. Dabei vergessen sie jedoch, dass sich ein Jugendlicher in einer deutschen Hochhaussiedlung nicht unbedingt in einer besseren Situation befindet als ein Jugendlicher in der Dritten Welt, der in einer Hütte aufwächst. Denn relative Armut bei uns wirkt in aller Regel ausgrenzend. Ein Jugendlicher, der nicht das bunteste Handy und neueste Markenkleidung hat, wird häufig ausgelacht und ausgegrenzt. Das kann schlimmer sein, als mit leerem Magen schlafen zu gehen. Wenn wir über Armut unter Jugendlichen in Deutschland reden, ist das also kein Jammern auf hohem Niveau.

ZEIT online : Welche langfristigen Folgen hat es für eine Gesellschaft, wenn ein nicht geringer Teil der jungen Menschen als arm gelten muss?

Butterwegge : Armut unter Jugendlichen führt dazu, dass sie zu anderen Mitteln greifen, um sich zu behaupten. Drogenkonsum, Kriminalität sowie Gewalt und Aggressionen steigen mit wachsender Armut bei gleichzeitig zunehmendem Reichtum an. Wenn Jugendlichen die soziale und berufliche Perspektive fehlt, ist Gewalttätigkeit keine Überraschung. Langfristig führt das zu einer Spaltung der Gesellschaft. Parallelgesellschaften entstehen, die man in Bezug auf Migranten häufig beklagt. Die Reichen leben hinter hohen Mauern, bewacht von privaten Sicherheitsdiensten, die Armen beziehen ihre Kleidung von den Kleiderkammern der Wohlfahrtsverbände und essen in der Suppenküche. Wenn die einen nichts mehr von den anderen wissen und auch nichts mehr wissen wollen, ist der soziale Friede gefährdet.

ZEIT online : In vielen Ausbildungsberufen ist das tarifliche Gehalt mit manchmal weniger als 300 Euro so gering, dass Jugendliche damit kein eigenständiges Leben führen können.

Butterwegge : Das ist für mich ein gesellschaftlicher Skandal. Es war erklärtes Ziel der sozialen Marktwirtschaft, den Wohlstand möglichst allen zugänglich zu machen. Heute fällt man fast in die Zeit zurück, in der ein Auszubildender noch Lehrgeld zahlen musste. Viele Familien können sich das nicht leisten. Und in einer wohlhabenden Gesellschaft ist das ein sozialer Rückschritt. Auszubildende sollten einen Anspruch darauf haben, dass sie von der Vergütung ihrer Arbeit leben können. Heute fällt ihre Vergütung in den Ausbildungsberufen sehr unterschiedlich aus. Denkbar wäre, die Ausbildungsvergütung über entsprechende Mindestsätze festzulegen, ähnlich wie bei einem gesetzlichen Mindestlohn.