Zusammen mit Daniel Kehlmann und Thomas Glavinic zählt Xaver Bayer zu den interessantesten jüngeren Stimmen aus Österreich. Der 1977 in Wien geborene Schriftsteller hat bisher drei Romane veröffentlicht - "Heute könnte ein glücklicher Tag sein", "Die Alaskastraße" und "Weiter", allesamt atmosphärisch dichte Werke von verstörender Intensität. In Kürze erscheint seine neue Erzählungssammlung "Die durchsichtigen Hände".

ZEIT online: Herr Bayer, Gratulation zum Hermann-Lenz-Preis. Welches Verhältnis haben Sie zu diesem Autor?

Xaver Bayer: Ich habe vor ein paar Jahren eine Erzählung von ihm gelesen, Jung und alt , und mir jetzt, dem Anlass entsprechend, Gedichte von ihm besorgt. Da stecke ich gerade mittendrin. Amüsant sind übrigens die nicht wenigen Glückwünsche zum Siegfried-Lenz-Preis, die mir von verschiedenen Seiten ausgesprochen wurden. Siegfried hat im sogenannten kollektiven Bewusstsein, wie es scheint, einen höheren Stellenwert als Hermann. Ein Grund mehr, sich für Letzteren zu interessieren.

ZEIT online: Den Preis bekommen Sie in erster Linie für Ihren letzten Roman Weiter . Darin berichten Sie von einem Kritiker von Computerspielen, dem zunehmend die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwimmen. Was hat Sie an diesem Thema besonders interessiert?

Bayer: Hauptsächlich meine eigenen Erfahrungen als Gamer: auf welche Weise Wahrnehmungs- und Reaktionsmodelle, die man sich beim Computerspielen aneignet, auch in der Wirklichkeit des Alltags zum Tragen kommen und meinen Blick auf Welt und Menschen verändern können.

ZEIT online: In Ihren Büchern fällt besonders ein gewisser erotischer Pessimismus auf. In Ihrem Debüt Heute könnte ein glücklicher Tag sein erscheint der Geschlechtsverkehr als das langweiligste Zitat der Weltgeschichte. In Die Alaskastraße bemalt der männliche Held seinen Penis mit Hakenkreuzen, um ihn derart „geschminkt“ seiner Freundin zu präsentieren. Was ist bloß mit den jungen Männern heutzutage los?

Bayer: Ich bin darin kein Experte. Ich fühle und ahne nur manches: eine gewisse Unlust bei Männern am Sex, ihre Unsicherheit vor erstarkenden Frauen. Mütter gewöhnen sich in unserer westlichen Welt das Bemuttern ab, Männer können nicht mehr richtig väterlich sein, und das spielt dann wohl auch in Beziehungen eine Rolle. Die lächerlichen Extremposereien von Bitches und Machos, die Popularisierung von Sadomasochismus und so weiter. Das alles kriegt man ja irgendwie mit, und es hat etwas zu bedeuten. Insofern ist das mit dem erotischen Pessimismus nur etwas, was in der Luft liegt wie andere Luftverunreinigungen. Könnte man unter Umständen auch wieder wegbekommen.

ZEIT online: In einer Ihrer Geschichten aus der im Sommer erscheinenden Sammlung Die durchsichtigen Hände spielen Sie mit einem verstörenden Gedanken: Wie wäre es, einen Text geschrieben zu haben, in dem der größte Amoklauf der Geschichte, den Sie durchgeführt hätten, auf das genaueste angekündigt gewesen ist? Worin genau besteht der Reiz dieser Überlegung?

Bayer: Ich spielte mit dem Gedanken, wie es wäre, in einem Buch einen Amoklauf anzukündigen, also sozusagen ein Bekennerschreiben kurzerhand als Literatur zu deklarieren. Es war mir dann aber zu viel reißerisches Kalkül darin, also habe ich den Text wie eine Gemme in eine Art Selbstreflexion eingefasst und dadurch auch entschärft. Es wäre mir andernfalls ein wenig zu einfach vorgekommen, dieser Flirt mit dem Bösen. Ich will ja nicht wie Bret Easton Ellis enden.

ZEIT online: Wenn Sie nicht gerade terroristische Gedanken ausbrüten, sind Ihre Figuren damit beschäftigt, vor der Welt zu fliehen, sich von ihr abzuschotten.

Bayer: Ich sehe das etwas anders. Abschottung oder Weltflucht sind nur ein Aspekt, eine wichtigere Rolle spielt genau das Gegenteil: wie man subversiv in das Geschehen der Welt eingreifen kann, wie man einen leichten Drall erzeugen kann, der vielleicht etwas beiseite führt von der Mainstream-Schneise, die die Weltgeschichte in jedes Menschenleben gegraben hat und gräbt. Das böse Virus unserer Zeit ist die Gleichgültigkeit, und sie gilt es zu vermeiden.