Irland ist das einzige der 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union, in dem aufgrund der Verfassung direkt vom Volk darüber entschieden wird, ob das neue Vertragswerk ratifiziert wird. In letzten Umfragen lagen Gegner und Befürworter des „Vertrags von Lissabon“ nahezu gleichauf. Etwa 20 Prozent waren noch unentschieden. Die Auszählung der Stimmen beginnt am Freitagmorgen; erste Hochrechnungen werden am Vormittag erwartet.

Der EU-Reformvertrag, der die Gemeinschaft auf eine neue Rechtsgrundlage stellen soll, ist bisher von den Parlamenten in 17 Mitgliedstaaten ratifiziert worden. Zuletzt hatte am Mittwoch das finnische Parlament mit großer Mehrheit den Vertag gebilligt. Er tritt in Kraft, wenn sämtliche 27 EU-Staaten zugestimmt haben. Die EU-Kommission hat bisher alle Spekulationen darüber abgelehnt, was im Falle eines „Neins“ der Iren geschehen soll. „Es gibt keinen Plan B“, hatte EU- Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärt.

In Irland unterstützen alle führenden Parteien ein „Ja“ zum Vertrag von Lissabon. Regierungschef Brian Cowen warnte, Europa würde in einen Zustand der Unsicherheit zurückfallen, falls der Reformvertrag abgelehnt würde.

Der Vertrag von Lissabon folgt dem EU-Verfassungsentwurf, der 2005 an Referenden in Frankreich und den Niederlanden gescheitert war. Damals stürzte die EU in eine tiefe Krise. Der Reformvertrag, der vergangenes Jahr in Lissabon unterzeichnet wurde, soll die Europäische Union effektiver machen.

Die Iren hatten 2001 «Schockwellen» in Brüssel ausgelöst, als sie in einem Referendum den Vertrag von Nizza ablehnten, der zahlreiche Veränderungen für die Arbeit der EU-Institutionen brachte. Als die Abstimmung 16 Monate später wiederholt wurde, stimmten sie jedoch zu.

In Irland, das von dem EU-Beitritt vor 35 Jahren enorm profitiert hat, herrscht derzeit verbreitet Unmut über das immer größer werdende Gefälle zwischen Arm und Reich sowie zwischen Land und Stadt. Auch ist die Arbeitslosigkeit zuletzt wieder angestiegen. EU-Gegner hatten zudem angeführt, dass Irlands niedrige Unternehmenssteuern, die zu dem Boom in dem einst armen Land beitrugen, durch die Verträge in Gefahr seien.