Seine Rede mit dem Titel «Arbeit, Bildung, Integration» hielt Köhler diesmal im Schloss Bellevue, seinem Amtssitz. Sie stand im Zeichen seines Bemühens um eine zweite Amtszeit. Deutlich erkennbar versuchte Köhler, den Ruf nach weiteren Reformen mit der Rücksicht auf die Befindlichkeit der Bürger zu verbinden, die soziale Gerechtigkeit verlangen. Bei aller Kritik an Einzelerscheinungen sei Deutschland auf einem guten Weg. «Wir sollten das Erreichte nicht zerreden oder gar zurückdrehen, sondern beherzt vorangehen auf dem Weg, der sich als der richtige erwiesen hat», forderte er.

Erneut lobte Köhler die Reform-Agenda 2010 von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und verlangte ihre Fortsetzung in einer «Agenda 2020». Es gebe erste Erfolge, mehr als 1,6 Millionen Menschen hätten einen Arbeitsplatz gefunden. «Und viel mehr Beschäftigung, ja Vollbeschäftigung ist möglich, wenn wir ihre Voraussetzungen und unsere Chancen verstehen und entsprechend handeln.»

Es sei falsch, Wachstum als bedrohlich und zerstörerisch zu sehen, sagte der Bundespräsident. Die Weltmärkte bedürften jedoch der politischen Gestaltung. Weltweites Wachstum bleibe das wirksamste Mittel gegen Hunger und Armut. Die Modernisierung anderer Länder, der Umweltschutz, die Versorgung mit Lebensmitteln bedeute Wachstum und zugleich weniger Umweltverschmutzung und weniger Verschwendung von Ressourcen. Köhler: «Es macht die Welt besser, und dabei sind als Weltverbesserer gerade auch wir Deutsche gefragt und können gute Geschäfte machen.»

Von den Unternehmern erwartet Köhler eine Vorbildfunktion. Ihr Fehlverhalten gehöre ohne Ansehen der Person geahndet. «Bei uns dürfen auch die Reichen, Schönen und Mächtigen nicht bei Rot über die Ampel fahren.» Wo Gehälter oder Abfindungen außer Verhältnis zu den Leistungen gerieten, seien die Eigentümer und deren Aufsichtsorgane gefordert. Auch wenn es nur Einzelfälle seien: «Es wird dauern, den Vertrauensschaden zu reparieren, der durch das Fehlverhalten in den Leitungsbereichen einiger deutscher Unternehmen entstanden ist, von Steuerhinterziehung bis zur Bespitzelung der eigenen Mitarbeiter. Dass es aufgedeckt wurde, ist ein gutes Zeichen.»

Die internationalen Bedingungen für mehr Arbeit in Deutschland wertete Köhler als grandios. Die heimischen Voraussetzungen «können wir selber schaffen», sagte er. Deutsche Unternehmen bräuchten mehr qualifizierten Nachwuchs. Mit einer klugen Einwanderungspolitik müsse Deutschland zusätzliche Talente gewinnen. «Manche westlichen Demokratien wählen ihre Zuwanderer so intelligent aus, dass die höher gebildet sind als im Durchschnitt die Einheimischen. Es geht darum, begabte Ausländer für uns zu gewinnen, statt sie bloß zu dulden.»

Der Bundespräsident warb für eine neue Gründerzeit. Schon in den Schulen müssten solide Grundkenntnisse über die Wirtschaft vermittelt werden. Geld für die Umsetzung von Ideen sei reichlich da. Der Löwenanteil der ordentlichen Gewinne «sollte in den schöpferischen Kern unserer Wirtschaft zurückfließen, in Forschung und Entwicklung eben, in die Modernisierung der Betriebe und die Schulung der Mitarbeiter».