Wenig Freude bereitet es dem Laien, wenn sein mühsam angeeignetes Grundwissen durch Täuschungen auf die Probe gestellt wird. Die zentrale Frage muss daher am frühen Mittwochabend lauten: Wer, bitteschön, hat die Tschechen mit roten Trikots auf den Platz gelassen?

Zugegeben, ich habe das doch stets anrührende Absingen der Nationalhymnen im Stadion verpasst. Gerade als ich im knallvollen portugiesischen Lokal meines Vertrauens noch einen Sitzplatz ergattert und das erste Sagres-Bier bestellt habe, schießen die Nicht-Roten in der 8. Minute ein Tor. Reflexartig verfinstert sich die Miene des Fan-Novizen. Ich komme nicht umhin, über die Euphorie zu staunen, die ein gegnerischer Treffer bei all jenen Anwesenden auszulösen vermag, die portugiesische Trikots tragen, die anständigen in Rot mit grünem Kragen. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Was eben noch als wüstes Herumgehampel im Strafraum erschien, glänzt plötzlich als raffinierte Mannschaftsleistung, die die portugiesische Nationalmannschaft, die mit den weißen Trikots, in Führung bringt. Und dann wird es nur noch toller.

Obgleich die Tschechen kämpfen, tun, was sie tun müssen, und den Portugiesen notfalls auch auf die Hände treten. Woraufhin ein Zuschauer sagt, dass tschechische Taxifahrer ähnlich mit Kunden verfahren, die nicht bezahlen können. Obwohl Tschechien irgendwann den Ausgleichstreffer schießt, kennen Ausgelassenheit und Zuversicht auf portugiesischer Seite keine Grenzen mehr. Frauen klatschen sich auf der Damentoilette ab und eilen dann zurück vor den Bildschirm.

Cristiano Ronaldo wummst in der 63. Minute das 2:1 ins Netz, was in der Superzeitlupe so kraftvoll und anmutig wirkt, dass wir fortan beim Einschlafen die Schafe Schafe sein lassen und nur noch an Ronaldo denken wollen. Und sein lässiger Pass zum Treffer von Ricardo Quaresma in der Nachspielzeit beweist, dass er viel selbstloser ist, als die Kommentatoren im Stadion immer behaupten. Aber die gehören ja ohnehin abgeschafft. Die wirklich wichtigen Informationen ("Meine Damen und Herren, bitte beachten Sie, dass die portugiesische Nationalmannschaft heute in weißen, ich wiederhole: in weißen Trikots spielt") sind von ihnen sowieso nicht zu erwarten.

Am Ende des Tages ist die Welt sehr rot, sehr grün und eben auch ein kleines bisschen weiß. Nur um die Schweiz tut es uns dann leid. Doch nichts mit dem Sommermärli. Eher ein Albträumli. Das haben die Schweizer wirklich nicht verdient. Vielleicht kriegen sie dafür am Sonntag die roten Trikots. Oder alle tragen Rot und spielen Tipp-Kick.