Im Potsdamer Stadtgebiet häuften sich die Einbrüche in Arztpraxen. Die Kriminalpolizei vermutete, bald würde die Bande die nächste Arztpraxis ausräumen. Deshalb bildete sie eine „operative Fahndungsgruppe“: Zwei bis drei Beamten hockten sich Nacht für Nacht in Arztpraxen und hofften darauf, die Täter zu erwischen. Auch der kleine, blonde Lars Heinrich* gehörte dazu. Gemeinsam mit Jens Jäger* und einer Kollegin sollte er eine kinderchirurgische Praxis hüten. Vertrauensvoll überließ der Arzt den Beamten seinen Schlüssel.

In jener Nacht inspizierten sie die Räume. In einer kleinen Medikamentenkammer fanden Heinrich und sein Kollege Jäger ein Tütchen Abführmittel. Es würde zur sofortigen Darmentleerung führen, lasen die beiden Polizisten auf der Packung. Das müsste man mitnehmen und jemandem in den Kaffee schütten, soll Heinrich überlegt haben.

„Lass das liegen. Ich weiß nicht, ob das abgezählt ist. Ich würde das nicht machen“, will Jäger mehrmals zu Heinrich gesagt haben. Doch die Warnungen seines Kollegen erreichten Heinrich nicht. Deshalb verließ Jäger den Abstellraum: „Was ich nicht sehe, das belastet mich nicht“, sagt er später als Zeuge vor dem Amtsgericht Potsdam. „Ich hatte ohnehin schon den Ruf eines Moralapostels“. In Potsdam wird nun der Diebstahl eines Abführmittels nach über einem Jahr geklärt, denn wenn ein Polizeibeamter während seines Dienstes zum Dieb wird, begründet dies ein öffentliches Interesse - auch wenn das Medikament nur 2,56 Euro kostet.

Den Rest jener Novembernacht hockten die drei Polizisten ohne Licht im Wartezimmer, wo sie warteten, warteten und warteten – bis die Nacht vorüber war. Gegen vier, fünf Uhr morgens fuhren sie zurück ins Revier. Jäger stand an einem Tisch im Aufenthaltsraum, als Heinrich seinen Rucksack darauf abstellte, ihm den weißen Beutel mit dem Abführmittel unter die Augen hielt und triumphierend lachte. Jäger meldete den Vorfall an das Landeskriminalamt.

Fünf Tage beschäftigt sich das Gericht mit dem Abführmittel, denn Heinrich leugnet. Gegen das erste Urteil, einem Strafbefehl über 40 Tagessätze zu 60 Euro, legt er Einspruch ein. Er hofft, man werde ihm die Schuld nicht nachweisen können. Der 35jährige Familienvater sagt, er habe den Gedanken an ein Abführmittel in einem Getränk witzig gefunden. Mehr war nicht. Trotzig, kaugummikauend und daumendrehend sitzt er neben seinem Verteidiger.

Der Verteidiger fragt Jäger: „Sind Sie zurückgegangen und haben gezählt?“ Nein, er hat weder vor dem Gespräch mit Heinrich noch hinterher gezählt. Auch der Inhaber der Praxis führt keine Listen über alle Medikamente, nur über Betäubungsmittel.