Können Firmen REACH noch umgehen?

Anne-Marie Leroy: Nein. Es mag einige Ausnahmeregelungen geben, und sicherlich wird es auch zu Verzögerungen kommen. So ist die computerisierte Registrierung, die eigentlich ab 1. Juni in Betrieb sein sollte, noch immer nicht einsatzbereit. Es fehlt an Toxikologen, die eine Analyse durchführen können. Auch das wird die Abläufe verlangsamen.

Aber die Aufmerksamkeit der Unternehmen nimmt zu. Vor einem Jahr kamen zwei Dutzend Personen zu Informationsveranstaltungen über REACH, sechs Monate später waren die Vortragsräume voll besetzt. Die Teilnehmer fragen sich, ob sie betroffen sind. Im März tauchten in allen Sektoren für REACH verantwortliche Manager und Ingenieure auf, die spezifische Fragen stellten. Ende April begannen sie dann, die rechtlichen Probleme anzugehen. Vor einigen Tagen fragte mich zum ersten Mal jemand, was ich für ein Honorar verlange! Aber ich befürchte, dass viele Firmen ihre Produkte erst am 30. November um Mitternacht registrieren werden.

Welche rechtlichen Risiken wirft REACH für die Unternehmen auf?

Der Schutz von Patentrechten ist in Gefahr. Die Abläufe sehen vor, dass Firmen in den Informationsforen toxikologische Daten der von ihnen verwandten Substanzen offenlegen müssen. Das zwingt sie, Geschäftsgeheimnisse preiszugeben. Zwar können Firmen theoretisch ihre Identität in diesen Foren dadurch verschleiern, dass sie sich durch einen Dritten vertreten lassen. Die Verordnung erlaubt das. Aber es gibt einige Märkte, in denen die Zahl der Teilnehmer so gering ist, dass sich niemand wird hinters Licht führen lassen.

Ein anderes Risiko entsteht, weil vorgesehen ist, dass die Firmen sich zu einem sogenannten "Konsortium" zusammenschließen können. Das bedroht den Wettbewerbsgedanken der Marktwirtschaft, denn paradoxerweise drängt diese Regelung die Unternehmen dazu, zusammenzuarbeiten. Die Wettbewerbsaufsicht in Brüssel kündigte bereits an, hier genau hinsehen zu wollen.