„Wir haben keine Angst, wir dürfen auch keine Angst haben.“ Das sagte Oliver Bierhoff zum Spiel der deutschen Mannschaft gegen Österreich. Gemeint war: Wir haben keine Angst, WEIL wir keine Angst haben dürfen. So ist die merkwürdige Psychologie von Fußballern, sie haben keine Gefühle, die von Schaden sein könnten, oder jedenfalls wollen sie uns das weismachen. Und man fragt sich als Normalo: Was wäre das für ein Leben, wenn man immer nur die Gefühle hätte, die zu haben von Nutzen sind? Es wäre die Hölle, vermutlich.

Hast du Angst vor heute Abend, Fritz? Geht so, sagt er, ein bisschen. Bei mir ist es genauso, eine leichte Fläue in der Magengegend, wenn ich ans Ernst-Happel-Stadion denke. Wir, Fritz und ich, haben ein bisschen Angst, weil es dafür gute Gründe gibt, und weil wir Angst haben dürfen.

Aber natürlich denken wir konstruktiv und also zunächst an die Aufstellung. Fritz hat sich zu ein paar Änderungen entschlossen. Er will nicht warten, bis Lehmann sich die zweite Gelbe holt, sondern gleich heute mit Rene Adler starten. In der Abwehr fehlt Jansen ohnehin, außerdem möchte Fritz Metzelder rausnehmen, was dann bedeutet: Lahm, Friedrich, Mertesacker, Westermann. Ha, werden jetzt viele sagen, nur weil Westermann ein Schalker ist. Aber das stimmt nicht, denn Fritz verzichtet im Sturm weiterhin auf Kuranyi. Er nimmt zwar Gomez raus, zieht dafür aber Podolski nach vorn, der im Mittelfeld durch Hitzlsperger ersetzt wird.

Fritz’ Aufstellung sieht also folgendermaßen aus: Adler – Lahm, Friedrich, Mertesacker, Westermann – Fritz, Frings, Ballack, Hitzlsperger – Klose, Podolski.

Das ist ein wenig nach dem Motto „Jugend vor“ aufgestellt, doch, wer weiß, ob das nicht besser wäre als Löws Aufstellung, von der hier in Ascona gemunkelt wird, sie sei mit der vom Kroatien-Spiel bis auf den verletzten Jansen identisch.

Und die Spielweise? Fritz berichtet, dass in den deutschen Zeitungen mehr Kampfgeist gefordert würde, deutsche Tugenden usw. Er findet aber, die Mannschaft sollte von ihrem Kurzpass-Spiel nicht abgehen, jedenfalls nicht zu Beginn. Bolzen, sagt Fritz, bolzen kann man immer noch.

Noch wichtiger als die Psychologie ist im Fußball wahrscheinlich die Historie, die so eine Art Meta-Psychologie beinhaltet, also eine überpersönliche psychische Disposition im fußballerischen Nationalkörper, Gefühle, die über Generationen hinweggehen, die aus Ereignissen entspringen, die, sagen wir, ein Philipp Lahm noch gar nicht erlebt haben kann, weil er 1978 noch gar nicht auf der Welt war. Mit einem Wort: Cordoba.

Natürlich ist es im Fußball prinzipiell möglich, dass ein Lahm ein Cordoba-Trauma hat und ihn das im heutigen Spiel beeinflusst. Das hoffen vor allem die Österreicher.

Wir hingegen glauben mit dem deutschen Philosophen und entschiedenen Gegner des Historismus, Friedrich Nietzsche, dass zu viel Geschichte schlecht ist für das Gemüt, zumindest, wenn es um traumatisierende oder euphorisierende Einzelereignisse geht.